Die gute Nachricht
- Gehalten und geführt
- Osterzeit: Gefangen – befreit
- Erläuterungen: Vater unser
- Österliche Bußzeit – Verwandlung des Alltags
- Jesus zieht um und umher
- Jesaja 9,1-6
Gehalten und
geführt, nicht verführt: Johannes 10,27-30
In jener Zeit sprach Jesus:
27 Meine Schafe hören auf meine Stimme;
ich kenne sie,
und sie folgen mir.
28 Ich gebe ihnen ewiges Leben.
Sie werden niemals zugrunde gehen,
und niemand wird sie meiner Hand entreißen
29 Mein Vater, der sie mir gab, ist größer als alle,
und niemand kann sie der Hand meines Vaters entreißen.
30 Ich und der Vater sind eins.
Impulsfragen:
1. Kann ich mit dem Bild vom Hirten etwas anfangen? (Nach C.G. Jung
gehört es zu den Archetypen im Menschen)
2. Wie ist in meiner Frömmigkeit die Beziehung zu ihm? (Vers 28)
3. Habe ich das schon in manchen Augenblicken erfahren? (Vers 28 b)
Psalm 23
Er ist mein Hirt.
Und mir fehlt nichts.
Er gibt mir Licht und Leben.
Es ist wie am Wasser.
Er stillt meinen Durst.
Er sagt mir, wie´s weitergeht.
Er ist der Gott, auf den ich hoffte.
Auch dann, wenn ich durch eine Nacht
muß (meine Nacht),
gerade dann habe ich keine Angst.
Vor nichts.
Denn es ist einer bei mir:
und das bist Du.
Du gehst mir voraus.
Das ist meine Hoffnung.
Du deckst mir den Tisch.
Meine Feinde sehen es
und können nichts machen.
Du machst mich schön.
Es ist ein Fest!
Und so wird es weitergehen,
solange ich am Leben bin
und sein darf,
bei IHM.
Osterzeit: Gefangen - befreit. Joh. 20, 19-31
19 Am Abend des ersten Tages der Woche,
als die Jünger aus Furcht vor dem Juden
die Türen verschlossen hatten,
da kam Jesus,
und trat in ihre Mitte
und sagte zu ihnen: Friede sei mit euch!
20 Nach diesen Worten
zeigte er ihnen seine Hände und seine Seite.
Da freuten sich die Jünger, dass sie den Herrn sahen.
21 Jesus sagte nocheinmal zu ihnen: Friede sei mit euch!
Wie mich der Vater gesandt hat
so sende ich ich euch.
22 Nachdem er das gesagt hatte,
hauchte er sie an
und sprach zu ihnen: Empfangt den Heiligen Geist!
23 Wem ihr die Sünden vergebt, dem sind sie vergeben;
wem ihr die Vergebung verweigert,
dem ist sie verweigert.
24 Thomas, genannt Didymus - Zwilling -, einer der Zwölf,
war nicht bei ihnen, als Jesus kam.
25 Die anderen Jünger sagten zu ihm:
Wir haben den Herrn gesehen.
Er entgegnete ihnen:
Wenn ich nicht die Male der Nägel an seinen Händen
sehe
und wenn ich meinen Finger nicht in die Male der Nägel
und meine Hand nicht in seine Seite lege,
glaube ich nicht.
26 Acht Tage darauf waren seine Jünger wieder versammelt,
und Thomas war dabei.
Die Türen waren verschlossen.
Da kam Jesus,
trat in ihre Mitte
und sagte: Friede sei mit euch!
27 Dann sagte er zu Thomas:
Streck deinen Finger aus
- hier sind meine Hände!
Streck deine Hand aus und leg sie in meine Seite,
und sei nicht ungläubig, sondern gläubig!
28 Thomas antwortete ihm:
Mein Herr und mein Gott!
29 Jesus sagte zu ihm:
Weil du mich gesehen hast, glaubst du.
Selig sind, die nicht sehen und doch glauben.
30 Noch viele anderen Zeichen,
die in diesem Buch nicht aufgeschrieben sind,
hat Jesus vor den Augen seiner Jünger getan.
31 Diese aber sind aufgeschrieben,
damit ihr glaubt, dass Jesus der Messias ist,
der Sohn Gottes
und damit ihr durch den Glauben das Leben habt in seinem Namen.
Fragen an mich und zum Gespräch:
1. Hinter welchen Türen habe mich eingesperrt? Vers 19
2. Wie begegne ich Menschen, die mich verwundet haben? Verse 20-23
3. Wie gehe ich mit Verwunderung anderer Menschen um? Verse 24-31
Gebet
Ostern: Aufstand des Lebens gegen den Tod -
Doch unser Leben ist vom Tod gezeichnet.
Ostern: Aufstand der Freude gegen das Leid -
Doch unser Leben ist vom Leid gezeichnet.
Nur ahnend erfassen wir das Neue.
Gott, erhelle unser Dunkel, schenke dieser Welt Frieden
und lass das Osterlicht in uns aufleuchten.
Darum bitten wir Dich im Namen dessen,
der an Ostern auferstanden ist.
Betrachtungen zum "Vater unser"
Walter Repges Betrachtungen zum Vaterunser in Anlehnung an ein Buch von Reinhard Körner. 2002 erschien im Benno-Verlag in Leipzig ein Buch von Reinhard Körner mit dem Titel "Das Vaterunser" mit dem Untertitel "Spiritualität aus dem Gebet Jesu".
Anhand dieses Buches möchte ich einiges zur Besinnung auf die sieben Anrufungen dieses Gebetes vorschlagen. Es ist schließlich das Gebet, das Jesus selbst uns zu beten gelehrt hat, ja, das er offenbar selber gebetet hat, ein Gebet, das inzwischen in 1214 Sprachen und Dialekte übersetzt ist und zu dem von den Zeiten der Kirchenväter an immer neue Betrachtungen oder Erklärungen bzw. Erklärungsversuche erschienen sind (Im Jahre des Erscheinens dieses Buches von Körner waren allein in Deutschland mehr als 40 Vaterunserbücher im Buchhandel erhältlich!), ein Gebet schließlich, das alle Christen - Katholiken, Protestanten, Orthodoxe - beten.
Reinhard Körner ist in der alten DDR geboren und groß geworden. In seinem Buch berichtet er gleich zu Beginn: "Als ich während der ersten Schuljahre von einem marxistisch denkenden Lehrer hörte, die Religion wäre unwissenschaftlich, weil Gott nicht beweisbar sei, war ich in meinen kindlichen Glaubensvorstellungen aufs tiefste verunsichert. In meiner Not ging ich zu unserem Kaplan. Der erklärte mir: "Euer Lehrer hat Recht, wir können Gott nicht beweisen, wir glauben an ihn; aber auch der Lehrer kann seinen Atheismus nicht beweisen, er glaubt, dass es Gott nicht gibt." Diese so einfache Klarstellung hat fortan meine "Lebensphilosophie" getragen.
So ganz nebenbei erinnert er auch an einen Witz, der in der DDR-Zeit unter den Christen nicht ohne Schadenfreude weitererzählt wurde:
"Gott sei Dank", sagt die Bäuerin, "es kommt Regen."
"Aber Genossin", antwortet der Kolchosvorsitzende,
"du weißt doch, einen Gott gibt es, Gott sei Dank, nicht"
"Sicher, Genosse, aber wenn es nun, was Gott verhüten
möge, doch einen gibt?"
Das war die Welt, in der er groß geworden war. Er hat aber dem ungeachtet in Erfurt Theologie studiert. Als ihn auch dort die Versuchung zum Atheismus wieder einholte - und das fast ein Jahr lang - und er nicht mehr aus noch ein wusste, ging er in seiner Not zu seinem akademischen Lehrer Prof. Heinz Schürmann. Dieser empfahl ihm ein Buch mit einer Auswahl von Texten aus den Schriften von Teresa von Avila und Johannes vom Kreuz, den beiden spanischen Mystikern aus dem 16. Jahrhundert. Deren Lebenserfahrung, die sich in dem, was er da las, spiegelte, bewog Körner, auf die Karte "Gott ist" zu setzen. Er hat es nicht bereut.
Körner schrieb seine Doktorarbeit bei Schürmann, wurde Karmelit (trat also in denselben Orden ein, dem auch Teresa und Johannes vom Kreuz angehörten,) und leitet heute ein Exerzitienhaus seines Ordens in Birkenwerder bei Berlin. Er gibt Einkehrtage, hält Vorträge, schreibt Bücher, vor allem über seinen Ordensvater Johannes vom Kreuz, aber auch andere, zum Beispiel dieses über das Vaterunser.
Ich will jetzt einfach die einzelnen Anrufungen des Vaterunsers durchgehen und zu erläutern versuchen, ohne jedes mal dabei ausdrücklich zu sagen, dass ich weniger meine als vielmehr Körners Ansichten darüber wiedergebe.
Vater
Auch im Alten Testament wird Gott Vater genannt, wenn auch nicht oft. Das Erstaunliche ist also nicht die Anrede Vater. Das Erstaunliche ist, dass Jesus sein Gebet nicht steif und förmlich mit dem hebräisch-biblischen abbinu = unser Vater oder abbi = mein Vater begann, das er aus den Synagogen-Gottesdiensten kannte. Er begann es vielmehr mit dem familiären aramäisch-umgangssprachlichen abba. So redeten Kinder ihren Vater an, plump-vertraulich geradezu. Lieber Papa heißt das so ungefähr. Niemand vor ihm hatte gewagt, Gott so anzureden. Er aber tat es und sagte auch noch: So sollt ihr beten! Zu einem Gott, bei dem ihr euch geborgen fühlen dürft, vor dem ihr keine Angst zu haben braucht, dem ihr alles sagen könnt, was euch bedrückt.
Unser
Das Vaterunser ist uns in zwei Versionen überliefert. Die eine steht bei Matthäus, die andere bei Lukas. Bei Lukas fehlt das "unser", bei Matthäus steht es - und das zu Recht. Denn nicht nur diesen und jenen, sondern alle hat Jesus eingeladen, den, der er abba nannte, anzurufen und so ihr Beten zu beginnen. Er ist eben nicht nur Jesu, sondern unser aller Vater. Alle dürfen sich unter seinem Schutz geborgen wissen: die Alten und die Jungen, die Glücklichen und die Verzweifelten, ja im Grunde die ganze Schöpfung: die Sonne, der Mond und die Sterne, das Land und das Meer, die Blumen, die Pflanzen, die Tiere, eben alle und alles. Aller Welt abba ist unser Gott.
Im Himmel
Bei Lukas fehlt dieser erläuternde Zusatz, und bei Matthäus steht er in der Mehrzahl. Denn der Himmel in der Einzahl war im Weltbild der Antike das Firmament, das Himmelsgewölbe. Und das ist sicher nicht der Wohnort Gottes. Aber auf der Erde allein wohnt er erst recht nicht und auch nicht in dem Bereich zwischen dem so gefassten Himmel und der Erde. Wo aber denn? Eine Antwort finden wir im Alten Testament, genauer: im Buch der Könige (1 Kön 8, 27). David fragt: "Wohnt denn Gott wirklich nur auf der Erde?" Nein, so lautet die Antwort, er wohnt nicht nur auf der Erde, er wohnt auch nicht nur am Firmament oder in dem Raum zwischen Erde und Firmament. Nein, so Davids eigene Worte: Selbst der Himmel und die Himmel der Himmel fassen dich nicht" (ebd.). Und eben daraus wurde im Judentum eine Formulierung, die besagte und auch so verstanden wurde: Gott ist allgegenwärtig. Er ist nicht nur im Himmel droben und auf der Erde unten oder in dem Raum dazwischen, nein, er ist überall. Und wenn es tausend Himmel gäbe, er ist in allen da, ja, gäbe es noch ein Universum neben dem unsrigen und noch eins und noch eins - auch dort wäre Gott zugegen.
Er ist noch größer als sie alle.
Geheiligt Werde Dein Name
An dieser Zeile ist viel herumgerätselt worden. Heißt sie: Gott möge bewirken, dass möglichst viele, nein, möglichst alle Menschen an ihn glauben? Heißt sie: Gott möge dafür sorgen, dass sein Name heilig gehalten und nicht verunehrt werde? Heißt sie: Gott möge als der über allem stehende Herr und Gott anerkannt werden? Oder soll es einfach nur heißen: Du, o Gott, du sollst gelobt und gepriesen werden. Du sollst bejubelt werden. Dein Name soll ganz groß herauskommen? Worauf es ankommt, ist, dass man eben dieses Gott wünscht, es ihm "gönnt". Dieser Vers ist nämlich nicht so sehr eine Bitte. Er ist vielmehr ein Wunsch, gewissermaßen der Eröffnungswunsch, mit dem Jesus sein Vaterunser beginnt. (Das "unser" und das "im Himmel" fehlen ja bei Lukas und höchstwahrscheinlich in der von Jesus gesprochenen Urfassung auch. Also begann mit eben diesem Vers die Reihe der Vaterunseranrufungen!) Die grammatische Form drückt tatsächlich einen Wunsch aus, nicht eine Bitte. Jesus blickt, wenn er betet, auf Gott zuerst und wünscht ihm, dass er heil, heilig, groß und herrlich sei. Und obwohl Gott das alles schon ist - Geringeres kann Jesus seinem abba nicht wünschen.
Dein Reich komme
Das ist erst recht ein Herzenswunsch Jesu. Denn "Reich Gottes" ist geradezu ein Schlüsselwort seiner Botschaft. 73 mal findet sich dieser Begriff in den Evangelien - wobei die für Matthäus typische Formulierung Reich der Himmel bzw.. Himmelreich mitgezählt ist.
Was das Reich Gottes nun genau ist, sagt Jesus nicht. Es lässt sich eben nicht in menschliche Kategorien fassen, und es lässt sich darum auch nicht definieren. Definieren heißt Grenzen ziehen. Aber Gott ist jenseits aller Grenzen, und sein Reich darum auch. Es ist - muss sein - ein Reich, das die Himmel der Himmel nicht fassen, das allgegenwärtig und stets gegenwärtig ist und somit so, wie der abba selbst. Allenfalls Vergleiche ziehen kann man. Und das tut Jesus. Diese Vergleiche nennt er Gleichnisse. Er beginnt sie mit den Worten ?Mit dem Reich Gottes ist es wie..." z.B. wie mit einem Mann, der schöne Perlen suchte. Als er eine ganz besonders schöne und kostbare fand, verkaufte er alles, was er besaß, nur um diese Perle kaufen zu können.
Dein Wille geschehe wie im Himmel so auf Erden
Diese Worte stehen nur bei Matthäus. Augustinus sah darin eine Wiederholung des vorhergehenden Wunsches "Dein Reich komme". Andere sagen nicht gerade Wiederholung, aber doch Umschreibung des Reich-Gottes-Anliegens Jesu.
Manche meinen, damit wäre gesagt, Gottes Wille möge sowohl im Himmel als auch auf Erden geschehen. Aber kann es richtig sein, darum zu beten, dass Gottes Wille sich im Himmel erfülle? Wohl kaum. Was kann also gemeint sein? Viel eher doch:
"Abba, dein Wille möge so, wie er in deinem vollendeten Reich der Himmel geschieht, sich auch auf Erden, im noch senfkorngroßen Reich Gottes mitten unter uns, verwirklichen." Schön und gut. Aber was ist der Wille Gottes?
Körner weist auf zwei häufig anzutreffende Fehlauffassungen hin. Die erste nennt er das deterministische Missverständnis, so als wenn Gott alles von vornherein genau festgelegt hätte, was ich zu tun und zu lassen habe, und es meine Aufgabe wäre, herauszubekommen, was er denn nun von mir will und was ich, will ich mich nicht des Ungehorsams schuldig machen, zu tun habe, damit sein und um Gottes willen nicht mein Wille geschehe.
Das Problem ist: Wie kann ich das denn überhaupt herausfinden? Gibt es dafür untrügliche Zeichen? Und gibt es dann keinen Platz mehr für den eigenen Willen und für Willensentscheidungen in Freiheit? Sollte man da nicht lieber den ganzen Determinismus über Bord werfen und sagen - wie es eine alte jüdisch-talmudische Weisheit aus dem dritten Jahrhundert zum Ausdruck bringt (und was Johannes Bours zum Titel eines seiner Bücher gemacht hatte) - : "Der Mensch wird (von Gott) des Weges geführt, den er (selber) wählt." Augustinus geht sogar noch einen Schritt weiter. Er sagt: Ich war ein Spiel der Wellen und doch warst du der Steuermann!
Eine zweite Fehlauffassung ist das fatalistische Missverständnis. Fatum ist das lateinische Wort für Schicksal. Gedacht ist bei dieser Auffassung - diesem Missverständnis - vor allem an das schwere Schicksal, in das man sich ergeben müsse, weil es eben Gottes Wille sei.
Diese Auffassung war lange Zeit im Christentum vorherrschend. Und doch sollte man die Ursachen des Leids und des Bösen dort lassen, wo sie sind, nämlich im Menschen, und sie nicht in Gott hineinprojizieren. Oder hat Jesus etwa den Kranken oder von bösen Geistern Besessenen gesagt, sie müssten sich halt in ihr Schicksal ergeben? Hat er nicht vielmehr geheilt, ihnen Mut gemacht, sie aufgerichtet?
Und was heißt dann der Vers "Dein Wille geschehe" in Wirklichkeit? Er ist der Nachsatz zu dem vorhergehenden Vers "Dein Reich komme", seine Verdeutlichung gewissermaßen. Dein Reich komme uns immer näher - in diese leidvolle, unvollendete, der Bosheit der Menschen ausgelieferte Welt. Und dieser Nachsatz will sagen: Es möge jetzt schon auf Erden immer mehr "wie im Himmel" sein - damit der wirkliche Wille Gottes geschehen kann. Und der heißt nicht Trauer, sondern Freude. Der heißt nicht Angst, sondern Zuversicht. Der heißt nicht Leid und Tod, sondern Leben.
Unser tägliches Brot gib uns heute
"Unser" Brot gib "uns" steht da, nicht nur "mein" Brot gib "mir". Denn das Brot, das die Erde hervorbringt, ist unser aller Brot, so wie der Abba unser aller Vater ist. Darum ist diese Bitte gleichzeitig ein Appell an unser Gewissen, das Brot nicht nur mein, sondern unser aller Brot sein zu lassen, und das nicht nur in frommen Gebeten, sondern in Tat und Wahrheit.
Es folgt das Wort "tägliches" - aber nur bei Lukas. Bei Matthäus steht "übernatürliches". Der Grund ist möglicherweise ganz schlicht und einfach: Man wusste nicht, wie man das völlig aus der Mode gekommene griechische Wort "epiousion" übersetzen sollte. Heinz Schürmann, der Erfurter Professor für Neues Testament, schlägt eine dritte Übersetzung vor, nämlich: Unser Brot, das notwendige, gib uns heute. (Auf diese Idee war er gekommen, weil man einen Einkaufszettel gefunden hatte, in dem dieses epiousion stand. Das, was für den Haushalt alles "notwendig" war, sollte eingekauft werden!)
Notwendig heißt dann an dieser Stelle im Vaterunser: das, was wir zum täglichen Lebensunterhalt brauchen. Die Übersetzung "täglich" ist also gar nicht mal so schlecht! Und als drittes Wort steht dann im Deutschen das, worum es geht: das Brot. Gemeint ist mit diesem Brot, um das wir im Vaterunser bitten, gewiss zunächst einmal das Brot, das wir essen, aber darüber hinaus alles sonst, was zum Überleben nötig ist.
Martin Luther hat dieses in seiner Antwort auf die Katechismus-Frage "Was heißt denn täglich Brot?" ganz plastisch wie folgt beschrieben: "Alles, was zur Leibesnahrung und -notdurft gehört, als: Essen, Trinken, Kleider, Schuh, Haus, Hof Acker, Vieh, Geld, Gut, fromm Gemahl, fromme Kinder, fromm Gesinde, fromme und treue Oberherren, gut Regiment, gut Wetter, Friede, Gesundheit, Zucht, Ehre, gute Freunde, getreue Nachbarn und desgleichen."
Was will man noch mehr!
Aber neben dem, was wir zum leiblichen Lebensunterhalt brauchen und was - wie Luther so schön darlegt - mit dem irdischen Brot alles mitgemeint ist, gibt es noch ein anderes Brot, das wir brauchen, nämlich das Wort Gottes, von dem Jesus sagt: Der Mensch lebt nicht vom Brot allein, sondern von jedem Wort, das aus dem Munde Gottes kommt. Nun gibt es noch eine dritte Bedeutung des Brotes. Es ist die, die Jesus ihm gibt mit den Worten: Ich bin das wahre Brot, das Brot, das vom Himmel herabkommt, das Brot, das ewiges Leben schenkt. Es ist das Brot, das die Jünger beim letzten Abendmahl empfingen und das uns jetzt jedes mal bei der Eucharistiefeier gereicht wird.
Die großen Theologen des Mittelalters, Bonaventura
und Thomas von Aquin, aber ebenso Meister Eckhart und übrigens
auch Martin Luther sowie zum Teil schon die Kirchenväter,
schlagen deshalb vor, die Brotbitte dreifach zu verstehen:
- als Bitte um das normale Brot,
- als Bitte um das Wort Gottes und
- als Bitte um das sakramentale bzw. eucharistische Brot. Brauchen tun
wir alle drei.
Und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern
Ursprünglich ist damit gemeint: Erlass uns unsere Schulden, so wie auch wir untereinander uns unsere Schulden erlassen, Schulden nämlich, die ein Mensch hat, wenn er sich etwas entliehen hat. Solche Schulden zu haben, war bei den Israeliten etwas ganz und gar Alltägliches, aber auch, dass der, der dem Nachbarn oder einem Freund etwas geliehen hatte, dieses nicht auf Biegen und Brechen zurückforderte, wenn er sah, dass das den anderen nur noch mehr ins Elend treiben würde. Aber welche Schulden haben wir? Da brauchen wir gar nicht auf die Gepflogenheiten bei den Israeliten zurückzugreifen. Auch in unserem Leben gibt es genug Anlässe, bei denen wir sagen müssen: Sei mir nicht böse, aber das kann ich dir einfach nicht zurückerstatten: dass Du mich aus schwerer Krankheit erlöst hast, dass Du mich jahrelang gepflegt hast, dass du mir ein guter Vater, eine gute Mutter, ein guter Freund, ein guter Lehrer, ein guter Beichtvater gewesen bist, dass Du mich durch ein Wort des Trostes, der Ermutigung, der Anerkennung wieder aufgerichtet hast. Und Gott selbst gegenüber stehen wir alle erst recht in der Schuld. Alles, was wir sind und haben, verdanken wir ihm: dass wir sehen und hören und denken können, dass wir Freude haben am Aufgang der Sonne, an den ersten Blumen im Frühling, an der Musik, die wir selbst nicht komponiert haben, schließlich - und das vor allen Dingen - dass unser Gott ein Abba ist, ein Vater, der uns liebt.
Von da aus ist es nur ein kleiner Schritt zu der Erkenntnis und zu dem Bekenntnis: Wir haben nicht nur Schulden bei dir. Wir haben obendrein auch noch Schuld auf uns geladen. Wir müssen nicht nur beten: Erlass uns unsere Schulden, sondern auch: Vergib uns unsere Schuld. Noch deutlicher hat der Evangelist Lukas es ausgedrückt: Verzeih uns unsere Sünden. Nun folgt dieser Bitte noch ein weiterer Satz: "Wie auch wir vergeben unsern Schuldigern." Im Grunde ist das ja nicht mehr als Anstandspflicht. Wenn wir von Gott erwarten, dass er uns unsere Schulden erlässt und unsere Sünden verzeiht, dann können wir doch unseren Mitmenschen gegenüber uns nicht anders verhalten. Jesus hat das in einem seiner Gleichnisse ganz deutlich geschildert. Du böser und nichtsnutziger Knecht, ruft da der Herr aus. Alle deine Schulden habe ich dir erlassen. Konntest du nicht deinem Mitknecht gegenüber genau so großzügig sein und ihm seine Schulden erlassen?
Darum schreibt Paulus in dem Brief an die Epheser (Epf 4, 32): Vergebt einander, weil auch Gott euch durch Christus vergeben hat.
Und führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Bösen
Dieser Vers hat gewiß seine Schwierigkeiten. Kann Gott denn den Menschen in Versuchung führen, ihn zum Bösen geradezu anstiften? Offenbar doch nicht. Darum schreibt der Apostel Jakobs ausdrücklich: "Keiner, der in Versuchung gerät, soll sagen: Ich werde von Gott in Versuchung geführt. Gott ... führt niemand in Versuchung." (Jak 1, 13 f.)
Nun steht dieser Vaterunservers aber nun einmal im Neuen Testament, und zwar bei Matthäus wörtlich genau so wie bei Lukas. Nur ist er unglücklich, ja missverständlich aus dem Griechischen übersetzt worden. Wie Fachleute, die den griechischen Text ins Aramäische zurückübersetzt und mit ähnlichen Gebetsworten des Judentums verglichen haben, versichern, müsste die Übersetzung eigentlich lauten: "Lass uns der Versuchung nicht erliegen!" So schreibt Paulus ja auch den Korinthern: "Gott ist treu. Er wird nicht zulassen, dass ihr über eure Kraft hinaus versucht werdet." (1 Kor 10,13) So also ist das zu verstehen - und so wurde es im Laufe der Kirchengeschichte auch immer wieder verstanden. Nach Origenes, dem griechischen Kirchenlehrer, ist damit gemeint, "dass wir der Versuchung nicht erliegen möchten." Und Thomas von Aquin, der mittelalterliche Theologe, stellte klar: "Damit bitten wir um Standhaftigkeit in der Versuchung."
Im gleichen Sinne - nur viel drastischer - schrieb Martin Luther: "Wir müssen Anfechtung erleiden, ja sogar darin stecken. Aber dafür bitten dürfen wir, dass wir nicht hineinfallen und darin ersaufen." Deshalb wurde ja auch im Französischen (früher, seit der letzten Reform leider nicht mehr) gebetet: Et ne laissez pas nous succomber ä la tentation - Lass uns der Versuchung nicht erliegen! Und an welche Art der Versuchung ist dabei wohl gedacht?
Heinz Schürmann interpretiert diese Bitte, mit der bei Lukas das Vaterunser abschließt, als Notschrei, als Hilferuf, als Bitte ums Ganze: um Bewahrung der Bereitschaft, auf das Kommen von Gottes Reich zu warten. Mit anderen Worten: um Bewahrung davor, dass wir, statt auf Gott zu vertrauen, die Geduld verlieren und verzweifeln.
Sondern erlöse uns von dem Bösen
Diesen Halbvers fügt Matthäus noch hinzu. Er will mit anderen Worten dasselbe besagen wie die erste Vershälfte und den darin enthaltenen Notschrei und Hilferuf noch dringlicher machen.
Befreie uns von allem übel, von Krankheit, Misserfolg oder sonstigen Widerwärtigkeiten, an denen unser Leben so überreich ist. Eben wirklich von allem, was uns bedrückt, in die Ratlosigkeit treibt, ja Ausweglosigkeit, sogar in die Verzweiflung. Gib, dass wir - mit Luther zu sprechen - darin nicht "ersaufen" und aufhören, auf dich zu vertrauen, auch wenn wir nicht mehr aus wissen noch ein, wenn guter Rat nicht nur teuer, sondern überhaupt nicht mehr zu finden ist, wenn wir uns vor Schmerzen krümmen, wenn die Ärzte mit ihrer Weisheit am Ende sind, wenn wir erfahren müssen, dass uns niemand auf Erden mehr helfen kann, und obendrein den Eindruck, ja fast die Überzeugung gewinnen, dass auch unser Beten nichts nützt.
Aber reiß uns hinweg vor allem aus der schlimmen Lage, in die wir uns bringen, wenn wir vergessen, dass du, der Abba-Vater Jesu, auch unser AbbaVater bist, dass du der Gott-für-uns bist, schon bevor wir überhaupt das Wort Gott in den Mund nehmen, und dass du unser Abba, der Gott-für-uns bleibst, auch wenn unser Zustand noch so erbärmlich und in den Augen der Menschen - auch in unseren eigenen Augen - noch so hoffnungslos ist.
Denn Dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit
Der Hilferuf, mit dem das Vaterunser endet, wird aber begleitet, ja getragen von dem Gedanken, dass wir dir als unserem Abba-Vater nicht nur alles sagen dürfen, was uns bedrückt, sondern dass du auch die Macht hast, uns davon zu befreien und das Böse, alles Böse, zum Guten zu wenden. Und gar bald haben die Beter des Vaterunser das nicht nur gedacht, - das taten sie ganz ohne Zweifel von Anfang an -, sondern auch gesagt. Nur wenige Jahrzehnte nach Jesu Tod wurde es auch schon schriftlich festgehalten, und zwar in einer Schrift, die den Titel trug "Lehre - griechisch "didache" - der zwölf Apostel". Und schließlich fand es sich auch in späteren Abschriften des Matthäus-Evangeliums (und deshalb auch in der Übersetzung von Martin Luther). Und heute fügen es auch die Katholiken dem Vaterunsergebet bei, diesen Ausdruck der Zuversicht, dass unser Notschrei, unser Hilferuf, unser flehentliches Bitten nicht ins Leere geht, denn Dein, liebster Abba-Vater, Dein ist doch Das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit, und das in alle Ewigkeit.
Daran konnten sich die Christen aller Zeiten aufrichten. Es gibt einen, der die Kraft hat, uns der Macht des Bösen zu entreißen. Der uns das Reich garantiert, in dem sich leben lässt, weil es Gottes Reich ist. Der uns die Herrlichkeit schenken will, die die seine ist und die die unsere werden soll - kostbar, verführerisch schön und bleibend bis in alle Ewigkeit.
Amen
Mit "Amen" beschließen auch wir dieses Gebet. Bei Matthäus und Lukas (und in der didache) steht es noch nicht. Aber es ließ sich nicht vermeiden, dass dieser schon seit dem Jahre 600 vor Christus in den Schriften Israels bezeugte Ausdruck auch dieses Gebet noch einmal bekräftigen und beteuern sollte: Ja, so ist es, oder: Ja, so sei es und so geschehe es. Was Jesus uns gelehrt hat, wollen wir uns zu eigen machen. Was er gewünscht hat, soll auch unser Wunsch sein. Was er erbeten hat, soll auch unsere Bitte sein. Wir haben das ihm nachgesprochen und bekräftigen es noch einmal und sagen: Amen.
Österliche Bußzeit - Verwandlung des Alltags, Mt. 17, 1-9
In jener Zeit
1 nahm Jesus Petrus, Jakobus und dessen Bruder Johannes beiseite
und führte sie auf einen hohen Berg.
2 Und er wurde vor ihren Augen verwandelt;
sein Gesicht leuchtete wie die Sonne,
und seine Kleider wurden blendend weiß wie das Licht.
3 Da erschienen plötzlich vor ihren Augen Mose und Elija
und redeten mit Jesus.
4 Und Petrus sagte zu ihm,
Herr, es ist gut, dass wir hier sind.
Wenn du willst, werde ich hier drei Hütten bauen,
eine für dich, eine für Mose und eine für
Elija.
5 Noch während er redete,
warf eine leuchtende Wolke ihren Schatten auf sie,
und aus der Wolke rief eine Stimme:
Das ist mein geliebter Sohn,
an dem ich Gefallen gefunden habe;
auf ihn sollt ihr hören.
6 Als die Jünger das hörten, bekamen sie
große Angst
und warfen sich mit dem Gesicht zu Boden.
7 Da trat Jesus zu ihnen,
fasste sie an
und sagte: Steht auf, habt keine Angst!
8 Und als sie aufblickten,
sahen sie nur noch Jesus.
9 Während sie den Berg hinabstiegen, gebot ihnen Jesus:
Erzählt niemand von dem, was ihr gesehen habt,
bis der Menschensohn von den Toten auferstanden ist.
Fragen an mich und zum Gespräch:
1. Welche "Bergerfahrungen" haben mein Leben verwandelt und einiges zum
Leuchten gebracht? Verse 1 ff.
2. Wer ist Jesus für mich? Verse 5-9
Gebet
Der du unsere Lebenstage kennst
ihre Freude, ihre Leere, ihre Dauer.
Der du uns gönnst,
dass wir Menschen werden in hellem Licht;
dass wir unser Glück versuchen beieinander
in Freundschaft und Treue,
in Gutsein und Rechttun;
dass wir unsere Bestimmung finden in Liebe.
Der du unsere Geburt gewollt hast,
unser Aufwachen,
unsere besseren Jahre.
Sieh die Kinder, die ihre Geburt beklagen,
sieh die verzweifelt Sterbenden,
sieh die Germarterten,
und alle, die durch keine Menschenaugen mehr gesehen werden.
Brich in uns die Macht der Verdrängung,
diese faule, bange Vergessen,
Nicht-wissen, Nicht-wissen-wollen,
dieses Tun, als ob es nur halb so schlimm ist,
und "So ist das Leben:
das Recht für den Stärkeren,
jeder für sich,
die Armen noch ärmer,
Kinder geopfert."
Der du das Leben nicht so gemeint hast,
rufen uns an:
"Mensch, wo ist dein Bruder,
wo ist deine Schwester?"
Stoße uns wach.
Der du in dieser Welt
so mächtig bist, wie Menschen gut sind,
lass uns einsehen
das grundlose Unrecht von Armut und Hunger.
Im Namen des Jesus von Nazaret,
lass uns ausschauen nach einer Wende
des Bestehenden.
Lehre uns zu leben
für eine Welt in Recht und Frieden.
Online beten am Computer
www.sacredspace.ie
Die irischen Jesuiten laden ein, den "Raum für die Seele" zu
besuchen und
zehn Minuten am eigenen Computer im Gebet zu verweilen und
eine Schriftstelle, d. h. ein Bibeltext für jeden Tag soll
dabei helfen.
Der Prophet Jesaja 9,1-6: Hoffnungsschimmer - Geburt Jesu
1 Das Volk, das im Dunkeln lebt,
sieht ein helles Licht;
über denen, die im Land der Finsternis wohnen,
strahlt ein Licht auf.
2 Du erregst lauten Jubel
und schenkst große Freude.
Man freut sich in deiner Nähe,
wie man sich freut bei der Ernte,
wie man jubelt, wenn Beute verteilt wird.
3 Denn wie am Tag von Midian
zerbrichst du das drückende Joch,
das Tragholz auf unserer Schulter und den Stock des Treibers.
4 Jeder Stiefel, der dröhnend daherstampft,
jeder Mantel, der mit Blut befleckt ist, wird verbrannt,
wird ein Fraß des Feuers.
Denn uns ist ein Kind geboren,
5 ein Sohn ist uns geschenkt.
Die Herrschaft liegt auf seiner Schulter;
man nennt ihn: Wunderbarer Ratgeber, Starker Gott,
Vater in Ewigkeit, Fürst des Friedens.
6 Seine Herrschaft ist groß,
und der Friede hat kein Ende.
Auf dem Thron Davids herrscht er über sein Reich;
er festigt und stützt es durch Recht und Gerechtigkeit,
jetzt und für alle Zeiten.
Der leidenschaftliche Eifer des Herrn der Heere
wird das vollbringen.
Fragen an mich und zum Gespräch:
1. Kann ich mit den Bedeutungen "Licht" und "Finsternis" noch etwas
anfangen? Vers 1
2. Wann habe ich zum letzten Mal solche Freude verspürt, dass alle Sorgen von mir abgefallen sind? Verse 2-4
3. Besitze ich noch Hoffnung auf Frieden? Verse 5 f.