Zeitfragen
& Streitfragen
- Termine
- Prof. Dr. Rainer Winkel, Berlin/Essen: 16 Thesen zum Vortrag über die Frage »Schafft sich Deutschland wirklich ab, Herr Sarrazin?«
- Pastor Michael Kemper: Kirche und Moschee
- Herbert Vorgrimler: Predigt zum 4. Fastensonntag
- Prof. Dr. Fraling: Familie, andere Lebensgemeinschaften und gleichgeschlechtliche Partnerschaften - alles gleich-gültig?
- Dipl. Psychologe Ulrich Schmitz-Roden: Brauchen Kinder Psychotherapie?
- Dr. Horst Luckhaupt: "Mein Wille geschehe" - Patienverfügung
- Dr. Walter Repges: Schöpfung und Evolution
- Dr. Josef Estermann: Religiöse Gewalt im Kontext der Globalisierung
- Prof. Dr. Herbert Vorgrimler: Der Antisemitismus ist nicht tot
Termine
Sonntagsgespräche in Heilig Geist
Ort: Gemeindehaus, Auf den Porten 8
Zeit: 11.15 Uhr (bis ca. 12.30 Uhr)
- Koran im Vergleich zur christlichen Bibel - Entstehung, Auslegung, Aktualität: 30. Oktober, mit Prof. Dr. Elias Kattan, Münster. Entstanden im 7. Jahrhundert, gilt der Koran, das Heilige Buch der Muslime, als wörtlich inspiriert. Darin besteht schon ein Hauptunterschied zur Art und Weise, wie die (meisten) Christen heute die Inspiration der biblischen Schriften verstehen. Doch die Koranexegese im Laufe der Geschichte weist im Hinblick auf Methodik erstaunliche Überschneidungspunkte in der Bibelexegese auf. Auch heute bildet die Koranexegese ein spannendes Gebiet. Denn von ihr hängt die Frage ab, inwieweit die Muslime eine Interpretation des Islams entwickeln können, die mit Moderne und Aufklärung vereinbar wäre.
Beiträge zum Nachlesen
Prof. Dr. Rainer Winkel, Berlin/Essen
16 Thesen zum Vortrag über die Frage »Schafft sich Deutschland wirklich ab, Herr Sarrazin?« am Sonntag, 25. September 2011 in der Gemeinde Heilig Geist
Wie kaum ein zweites Buch ist das von Thilo Sarrazin (Deutschland schafft sich ab. Wie wir unser Land aufs Spiel setzen. München: DVA 2010.22,90) ausgesprochen widersprüchlich, d.h. von unbestreitbaren Tatsachen ebenso gekennzeichnet wie von Fehleinschätzungen bzw. nicht wünschenswerten Vorschlägen. So ist es z.B. wahr, dass
1. die demographische Entwicklung in Deutschland besorgniserregend ist; dass
2. diese Tatsache zu einer schleichenden Kolonisierung führen kannt dass
3. wir jahrzehntelang die Migrationsprobleme vertuscht haben; dass
4. viele Migranten seit geraumer Zeit eher aus bildungsfernen Schichten ihrer Heimatländer kommen; dass
5. allzu viele Migranten (vor allem muslimische) eine unzureichende Integrationswilligkeit zeigen; dass
6. auch die muslimischen Schüler gegenüber anderen Schülern nicht-deutscher Herkunft leistungsschwächer sind; dass
7. Integrationserfolge auch vom Grad der erworbenen Bildung abhängen; und dass B. die von Sarrazin gemachten zehn pädagogischen Vorschläge allesamt vernünftig sind, aber bisher kaum verwirklicht wurden.
Pastor Michael Kemper: Kirche und Moschee - Begegnung auf Augenhöhe
Erfahrungen aus Duisburg-Marxloh im Gespräch mit Pastor Michael Kemper am Sonntag, 7. Februar 2010 in der Gemeinde Heilig Geist
1. Ausgangspunkt für die interreligiöse Begegnung ist eine persönliche positive Einstellung
- Warum will ich mich einlassen auf die Begegnung mit Muslimen?
- Was treibt mich / uns an, macht mich / uns neugierig, macht Lust auf interreligiöse Begegnungen?
- Welche Ängste oder Befürchtungen gibt es?
- Was ist das Ziel des interreligiösen Dialogs? Was
ist nicht das Ziel?
Ziel kann nicht sein, jemanden bekehren zu wollen oder eine Annäherung in allen Fragen hin zu einem „religiösen Kompromiss“ zu finden.
2. Der interreligiöse Dialog braucht eine Avantgarde
Für das neue, reiz-volle und nicht konfliktfreie Themenfeld des interreligiösen Dialoges braucht es jemanden oder eine Gruppe, der oder die aus einem profilierten Glaubensverständnis heraus bereit ist zum Wagnis, neue Wege zu gehen, und fähig, sich mit Andersdenkenden auseinander zu setzen.
3. Der interreligiöse Dialog beginnt unter Christen
Unerlässlich für die interreligiöse Arbeit in einer katholischen Gemeinde ist die Vergewisserung bzw. Verständigung zum Standpunkt der katholischen Kirche, innerhalb der eigenen Gemeinde und mit ökumenischen Partnern.
a) Was sagt das II. Vatikanische Konzil zum Verhältnis der Kirche zu den Muslimen?
ERKLÄRUNG NOSTRA AETATE ÜBER DAS VERHÄLTNIS DER KIRCHE ZU DEN NICHTCHRISTLICHEN RELIGIONEN
Einführung
1. In unserer Zeit, da sich das Menschengeschlecht von Tag zu Tag enger zusammenschließt und die Beziehungen unter den verschiedenen Völkern sich mehren, erwägt die Kirche mit um so größerer Aufmerksamkeit, in welchem Verhältnis sie zu den nichtchristlichen Religionen steht. Gemäß ihrer Aufgabe, Einheit und Liebe unter den Menschen und damit auch unter den Völkern zu fördern, fasst sie vor allem das ins Auge, was den Menschen gemeinsam ist und sie zur Gemeinschaft untereinander führt.
…
3. Mit Hochachtung betrachtet die Kirche auch die Muslim, die den alleinigen Gott anbeten, den lebendigen und in sich seienden, barmherzigen und allmächtigen, den Schöpfer Himmels und der Erde (5), der zu den Menschen gesprochen hat. Sie mühen sich, auch seinen verborgenen Ratschlüssen sich mit ganzer Seele zu unterwerfen, so wie Abraham sich Gott unterworfen hat, auf den der islamische Glaube sich gerne beruft. Jesus, den sie allerdings nicht als Gott anerkennen, verehren sie doch als Propheten, und sie ehren seine jungfräuliche Mutter Maria, die sie bisweilen auch in Frömmigkeit anrufen. Überdies erwarten sie den Tag des Gerichtes, an dem Gott alle Menschen auferweckt und ihnen vergilt. Deshalb legen sie Wert auf sittliche Lebenshaltung und verehren Gott besonders durch Gebet, Almosen und Fasten. Da es jedoch im Lauf der Jahrhunderte zu manchen Zwistigkeiten und Feindschaften zwischen Christen und Muslim kam, ermahnt die Heilige Synode alle, das Vergangene beiseite zu lassen, sich aufrichtig um gegenseitiges Verstehen zu bemühen und gemeinsam einzutreten für Schutz und Förderung der sozialen Gerechtigkeit, der sittlichen Güter und nicht zuletzt des Friedens und der Freiheit für alle Menschen.
b) Die notwendigen Verständigungen im (Pfarr-)Gemeinderat
- Er entscheidet über die Rahmenbedingungen:
- Wer ist verantwortlich? („Avantgarde“)
- Wer ist der Dialog-Partner?
- Welche Maßnahmen sollen zum Dialog führen?
- Was ist das Ziel des interreligiösen Dialogs? - Der (Pfarr-)Gemeinderat nimmt das Thema "interreligiöser Dialog" als ständigen Punkt auf seine Tagesordnung.
- Der PGR stellt sicher, dass die ganze Gemeinde darüber informiert wird, was sich zum Thema "interreligiöse Kontakte" bewegt und entwickelt.
c) Der interreligiöse Dialog als ökumenische Herausforderung
Für Muslime sind das "natürliche Gegenüber" im interreligiösen Dialog zunächst Christen. Für ein gemeinsames und abgestimmtes Agieren der christlichen Gemeinde vor Ort ist es hilfreich zu erfahren, wer in der evangelischen Gemeinde für den Kontakt zur Moschee verantwortlich ist und welche Erfahrungen und Standpunkte es dort zum interreligiösen Dialog gibt.
4. Der interreligiöse Dialog beginnt mit konkreten Begegnungen
- Gut geeignete Anlässe für Begegnungen sind Gemeindefeste, Neujahrsempfänge, Jubiläen, Veranstaltungen im Stadtteil…
- Geeignete Themen für die Begegnung von Christen und Muslimen sind: Fasten in den Religionen, Gottes- und Menschenbild, Die Stellung der Frau, Geheiligte Zeit: Beten in den Religionen, Sterben und Tod im Islam und im Christentum, Jesus und Maria im Koran und in der Bibel, Ethik im Islam und im Christentum (bes. Aspekt: Terrorismus und Krieg).
- Gemeinsame religiöse Feiern bieten sich an zur Einschulung der Erstklässler, zum Schuljahresende, zur Entlassfeier an der Haupt- oder Realschule, zur Abiturfeier, bei besonderen Ereignissen im Stadtteil oder etwa zum Tag der Arbeit.
5. "Wie man in den Wald hinein ruft …" Reflektierte Grundhaltungen bestimmen das Klima
Wichtige Grundhaltungen – neben der Hochachtung – sind Treue zum eigenen Glauben, Offenheit (oder Interesse) für den anderen, Klarheit (oder Transparenz) und Verlässlichkeit (oder Verbindlichkeit). So kann im Dialog Vertrauen wachsen. Für die interreligiöse Begegnung "auf Augenhöhe" ist das gegenseitige Vertrauen unerlässlich. Es erwächst auf Seite des Christen aus dem gesunden Selbstvertrauen, die beste Religion der Welt zu haben (die "Wahrheit") und dennoch den andern um seines Heiles willen nicht bekehren zu müssen.
6. Interreligiöse Begegnungen verändert den Alltag von Christen und Muslime
Was auf Gemeindeebene als "interreligiöser Dialog" beginnt, ist für manchen Christen und Muslim im Stadtteil schon längst als "Begegnung mit Andersgläubigen" Alltagserfahrung oder er stiftet zu solchen an. Alltagsgeschichten vom gelungenen Leben miteinander in Hausgemeinschaften oder Nachbarschaften bilden den Fundus der Geschichten zum interreligiösen Dialog, weil er in ihnen an sein Ziel kommt.
Herbert Vorgrimler: Predigt zum 4. Fastensonntag
Evangelium vom
barmherzigen Vater und den zwei Söhnen Lukas 15, 11-132
Ein Kind kam weinend aus dem Kindergarten. Die Tante habe erzählt, der Manndort an der Waqnd - es meinte Jesus am Kreuz - habe starben müssen, weil das Kind böse war. Was ist das für eine Religion, die solche Gedanken produziert? Wie denkt sie über Gott? Musste Gott durch ein solches blutiges Opfer in seinen Zorn versöhnt werden?
Die Frohe Botschaft der Bibel sagt etwas ganz anderes. Nachdem die große Flut in grauer Vorzeit über die Menschen gekommen war, zeigte Gott sich bereit, die Menschen zu ertragen, wie sie sind. Er fand sich damit ab, dass sie nicht so wurden, wie er es gewollt hätte (Genesis 8 und 9). Und so zeigte und zeigte sich Gott immer versöhnt, immer bereit zu jeweils neuer Versöhnung. Auch der Apostel Paulus, der doch viel vom Kreuz zu sagen hatte, wusste: Das Kreuz gab es nicht, damit Gott versöhnt werde. Vielmehr setzte Gott das Kreuz in die Welt als wirksames Zeichen seiner Versöhnung (Römer 3), als Zeichen seiner Liebe zu den Menschen, auch dort, wo Menschen dieser Liebe Widerstand und Gewalt entgegensetzten und entgegensetzen.
Diesen versöhnten und versöhnungsbereiten Gott, seinen Vater, verkündete Jesus, besonders eindringlich in der Gleichniserzählung des heutigen Sonntags. Der verirrte Sohn kehrte um, gewiss, er machte sich in seiner ausweglosen Verzweiflung auf den Heimweg. Das hätte er aber nicht gekonnt, wenn er nicht vohrer schon lange seinen Vater erkannt hatte als den, dessen Arme immer weit offen stehen. Sein Weg zum Vater war so wie unser Weg zu Gott kein Weg ins Ungewisse. Wir wissen, zu wem iwr unterwegs sind. Nicht zu einem engherzigen, bösen Juristen, nicht zu einem kleinlichen Buchhalter, nicht zu dem alten zornigen Mann, der in den Lebensbüchern nachschlägt, was wir Böses getan, Gutes unterlassen haben. Wir sind auf dem Weg zu dem abgründigen Geheimnis der restlosen Liebe Gottes. Dieses Geheimnis überfällt uns nicht mit unerfüllbaren Forderungen. Es jagt uns nicht ununterbrochen ein schlechtes Gewissen ein. Es ist das Geheimnis der offenen Arme, die uns erwarten.
Freilich, eine Anforderung an uns steht im Raum und wird gerade auch im heutigen Evangelium in aller Dringlichkeit erhoben: Gott ist ungerecht! Wir haben von uns aus, in unserer menschlichen Veranlagung, eine genaue Vorstellung, was "gerecht" ist. Und wenn wir in unser Leben schauen, wie es oftmals den kleinen und guten Menschen übel ergeht, wie die großen Schurken und Bösewichte ungeschoren davonkommen, und erst recht, wenn wir in die große Weltgeschichte blicken, wie unzählige Menschen brutal unterdrückt, ausgebeutet, geschändet, umgebracht wurden und werden, dann erhoffen wir von Gott einen "gerechten Ausgleich". Gott soll, unseren Vorstellungen nach, ein Gott der ausgleichenden Gerechtigkeit sein. Das ist er aber nicht. Gott richtet sich nicht nach unseren Vorstellungen, und seien sie noch so verständlich. Er ist nicht ein Gott der Strafe und der Rache. Nehmen wir ihn ernst, nehmen wir ihn beim Wort seiner Offenbarung, dann müssen wir damit aufhören, ihm vorzuschreiben, wie er zu sein hat. Gott ist ein Gott des abgrundtiefen Erbarmens, der grenzenlosen Vergebung. Und wenn wir für uns selber hoffen, dass er uns vergibt, dann müssen wir auch, und zwar zuerst, bevor wir an uns selber denken, diese Hoffnung für alle anderen Menschen ebenfalls haben. Wir müssen damit rechnen, dass alle in die große Vergebung mit einbezogen sind, diejenigen, die uns bitteres Unrecht getan, die uns beleidigt und schikaniert haben, ebenso wie die furchtbaren Verbrechen der Menschheitsgeschichte. Das Verhalten des älteren, soliden Sohnes im heutigen Evangelium zeigt, wie schwer das wird, Gottes ungerechte Güte zu akzeptieren.
Wenn Gott das Böse vergibt, dann verwandelt er die Bösen in solche Menschen, die gut sind, nicht aus eigener Kraft und Leistung, sondern durch Vergebung. Es ist unmöglich, dass Gott diese große Vergebung und Versöhnung nicht allein wirkt. Er hat ja auch die Geschundenen und Gequälten, die Kleinen und Zukurzgekommenen verwandelt, wenn er sie mit seiner Nähe beschenkt. Und so wird er ihnen, den Opfern, geben, dass auch sie verzeihen können, all denen, die ihnen Böses angetan haben. Sie alle leben bei Gott im herrlichen Licht der Vergebung.
Aber nicht nur die Verwandlung des Bösen ist notwendig. Alles in unserem Leben bleibt Bruchstück, bleibt unvollendet. Das ist schon einmal sicher, wenn wir darauf schauen, wie unsere Gesundheit zugrunde geht, wie unser Leben altert. Nicht alle unsere Pläne gelingen, nicht alle beruflichen Vorhaben, nicht alle erwünschten Beziehungen kommen ans Ziel. Vielleicht haben wir einen Lebensentwurf vor Augen gehabt - und was davon ist Wirklichkeit geworden? Unsere Hoffnung richtet sich darauf, dass Gott nicht nur vergibt , sondern dass er uns die Erfüllung schenken, die wir ersehnt haben, die menschlichen Begegnungen, auf die wir immer warteten. Das nicht gelungene Leben - zum Beispiel bei Schwerbehinderten - wird er zum Gelingen führen, das abgebrochene Lben - zum Beispiel bei Embryos - wird er ergänzen und zu sich bergen. Heilend, ergänzend, rettend wird er alles bei sich in der Vollendung bergen. Das ist unsere Hoffnung.
Das Wie müssen wir ihm überlassen. Unsere Neugier sind da enge Grenzen gesetzt. Eines Tages sind wir aufgwacht und haben "Ich" gesagt. Ich habe Hunger und Durst, ich sehe meine Mutter, ich sehe die Menschen um mich herum. Von da haben wir nicht aufgehört, "Ich" zu sagen. Dieses "Ich" möchte Gott für immer bei sich aufnehmen, und bei sich, das heißt: in unvorstellbarer, beglückender Seligkeit. Den Anfang damit hat er dadurch gemacht, dass er in seinem Heiligen Geist in uns Wohnung genommen hat, in uns allen, in Ihnen, in mir: "Denn Gottes Liebe ist ausgegossen in unseren Herzen durch seinen Heiligen Geist, der uns gegeben ist" Römer 5,5). Dieser Heilige Geist Gottes wohnt in uns nicht nur zur Miete oder bis der Bau abgebrochen wird; er wohnt da, in diesem "Ich", um es nie mehr zu verlassen. Er bewirkt, dass wir uns verwandeln, dass wir als neue Menschen zu Gott gelangen können. Der Übergang, die Verwandlung, wird nicht schmerzlos vor sich gehen. Sterben tut weh. Aber es wird wie ein Geburtsschmerz sein. Wenn die Wehen am größten sind, wir das helle Licht Gottes aufstrahlen, und wenn wir den ewigen, unendlichen Geist Gott nicht direkt anblicken können, dann wird er uns anschauen im Antlitz Jesus Christi, der uns erwartet, und an diesem Antlitz wird uns endgültig aufgehen, wer und was Gott ist.
Das is das einzig Entscheidende. Was mit unserem Körper, unserem Leib, sein wird, in welcher Weise er bleiben kann oder etwas von ihm bleiben kann, das lassen wir Gottes Sorge sein. Das "Ich" kann sich fallenlassen in eine beglückende Begegnung ohne Ende. Aber etwas anderes ist uns ja ganz natürlicherweise wichtig. Was wird mit den Menschen sein, die uns lieb und teuer waren? Der unendliche Gott umfasst alles und alle. Nichts ist außer ihm, alles ist in ihm. Und überall ist er. Wer vorausgegangen ist, wer vermeintlich tot, in Wirklichkeit aber höchst lebendig ist, der ist bei ihm. Die uns Vorangegangenen sind bei Gott, und Gott ist bei uns. Daher sind die Toten bei uns, sie sind auch jetzt in dieser Feier bei uns, neben uns, um mit uns dieses Fest unserer Hoffnung zu begehen.
Das heutige Evangelium sagt uns, was der Inhalt unserer Hoffnung ist, was uns erwartet, wer uns erwartet: Gott. Und so wird es sein, wenn wir bei ihm ankommen: "Und er fiel ihm um den Hals und küsste ihn." Amen.
Prof. Dr. Fraling, Münster: Familie, andere Lebensgemeinschaften und gleichgeschlechtliche Partnerschaften - alles gleich-gültig? (27. Februar 2000)
1. Das neue
Verständnis des Artikels 6 GG
Artikel 6 GG lautet:
I. "Ehe und Familie stehen unter dem besonderen Schutz der staatlichen
Ordnung.
II. Pflege und Erziehung der Kinder sind das natürliche Recht
der
Eltern und die zuvörderst ihnen obliegende Pflicht.
Über ihre
Bestätigung wacht die staatliche Gemeinschaft.
III. Gegen den Willen der Erziehungsberechtigten dürfen Kinder
nur
auf Grund eines Gesetzes von der Familie getrennt werden, wenn die
Erziehungsberechtigten versagen oder wenn die Kinder aus anderen
Gründen zu verwahrlosen drohen.
IV. Jede Mutter hat Anspruch auf den Schutz und die Fürsorge
der Gemeinschaft.
V. Den unehelichen Kindern sind durch die Gesetzgebung die gleichen
Bedingungen für die leibliche und seelische Entwicklung und
ihre
Stellung in der Gesellschaft zu schaffen wie den ehelichen Kindern."
Wir können hier von zwei Sachgründen für diesen Artikel ausgehen, die sich aus der Sinngebung der Ehe ergeben. Diese wird in der Regel erstens in der Bereicherung durch personale Liebesbegegnung, zweitens in der Möglichkeit gesehen, Kindern das Leben zu schenken. Änderungen zeigen sich im Verständnis des Grundgesetzartikels in neuen Begriffsbestimmungen.
2.
Alleinerziehende und nichteheliche Lebensgemeinschaften als Alternative
zur Familie?
2.a) Alleinerziehende
Mütter und Väter: In der Mehrzahl der
Fälle handelt es sich bei dieser Lebensform nicht um eine freiwillig
gewählte; sie dürfte kaum
als Modell des Gelingens von Familie angesehen werden. Um
so mehr müssen Rahmenbedingungen geschaffen werden, die
subsidiär Hilfestellung bieten.
2.b)
Nichteheliche Lebensgemeinschaften mit Kindern
1) Zur Situation: Im Durchschnitt hatten heutige Ehepaare vor der
Eheschließung eine 3,6 Jahre dauernde Beziehung zueinander
und zu
80 Prozent vor der Eheschließung bereits in einer
nichtehelichen
Lebensgemeinschaft zusammengelebt, im Durchschnitt etwa zwei Jahre. Viele
überkommende Leitbilder sind trotz der Normabweichung im
konkreten Verhalten weiter wirksam.
2) Faktische Bewertung: Der deutlichste
Wandel, der sich seit den sechziger Jahren vollzog, zeichnet sich ab in
der Tatsache, dass nichteheliche Lebensgemeinschaften keinen
gesellschaftlichen Vorurteilen mehr unterliegen.
3) Die Ursachen
der
Entwicklung liegen nach Meinung fast aller Sachverständigen in
den
veränderten Lebensbedingungen unserer modernen
Industriegesellschaft, die eine Dauerbindung enorm erschweren.
4) Die Rechtsordnung hat
faktisch auf dem Wege einer von Fall zu Fall sich entwickelnden
Rechtssprechung ein Instrumentarium entwickelt, das bei
mit gewisser Regelmäßigkeit auftretenden Konflikten
genügend Schutz gewährt.
3. Homosexuelle
Lebensgemeinschaften
3.a) Einiges
zur Diskussion um die Homosexualität allgemein.
1) Zur
Situation:
Man hat festgestellt, dass etwa vier Prozent der
männlichen Bevölkerung homosexuell
seien. Im Ergebnis laufen die Theorien in der Aussage zusammen, dass
eine homosexuelle Grundveranlagung im Sinne der
Neigungshomosexualität eine umumkehrbare
Ausrichtung sexueller Empfindens bedeutet. Hier
gibt es neue
heftige Diskussionen. In Amerika hat eine Gruppe von
Therapeuten angefangen, Homosexualität
mit Erfolg therapeutisch anzugehen; man könnte
also nicht jedwede Form der Homosexualität als unumkehrbar
ansehen.
2) Die
Geschichte der Bewertung
a) Äußerungen der Heiligen Schrift
sind streng ablehnend; aber sie müssen einer kritischen
Prüfung unterzogen werden, ehe sie auf die
gegenwärtige
Situation angewandt werden können.
b) Die Tradition der Lehre
der Kirche kennt ausschließlich eine deutliche
Verurteilung ausagierter Homosexualität.
3) Versuch
einer ethischen Stellungnahme
Es gilt es als erstes, - eine
mittlere Maxime auf diesen Bereich anzuwenden. Das
bedeutet, dass der/die Homosexuelle dazu angeleitet werden muss, zu seiner/ihrer
Homosexualität zu stehen.
Annahme dieser Orientierung ist Voraussetzung für
die
Identität mit sich selbst. Zuvor ist zu prüfen, ob
eine
Änderung möglich ist.
Eine zweite Maxime lautet: Es
gilt, die Fähigkeit zur Intimität zu fördern.
Das ist eine Voraussetzung dafür, dass es überhaupt
tiefergehende Beziehungen gibt, ob homosexuell oder heterosexuell.
- Entscheidend für die Gestaltung der Homotropie ist auf jeden Fall das Maß der in ihr und mit ihr gelebten Liebe.
- Auch Homoerotische Freundschaft steht unter dem Gesetz, dass sie sich selbst nihct genügen kann. Es muss in ihr so etwas wie ein Transzendenz über sich hinaus geben, die Bemühung um gemeinsame Aktivitäten nach außen. Hier gibt es nicht die Erfüllung im Kind, aber die Bewährung in Aufgaben, die das Leben stellt.
4) Das
Problem der Schaffung eines neuen familienrechtlichen Instituts
Däubler-Gmelin will die "eingetragene Lebenspartnerschaft".
Sie
soll gelten für gleichgeschlechtlich orientierte Paare, deren
Partner für die Dauer mit allen Rechten und Pflichten
füreinander einstehen wollen - in etwas, wie das in einer Ehe
der
Fall ist. Sie möchte diese Partnerschaft nicht Ehe nennen.
Die ethischen Implikationen des Interviews von Frau Däubler-Gemlin: Als Voraussetzung für die Eintragung einer Partnerschaft von Homosexuellen gelten Treue und Ausschließlichkeit. Die Sachgründe für diese Forderung ergeben sich zumeist aus konkreten Erfahrungen homosexueller Partner:
Die Auseinandersetzung geht vor allem um die Frage, ob die berechtigten Wünsche nicht auf einfachere Weise erfüllt werden können. Dies behaupten die Gegner der vorgeschlagenen Gesetze und können dieses auch zum Teil an den im Zusammenhang mit dem Nichtehelichen-Recht entwickelten Grundsätzen und Verhaltensregeln aufweisen. Die Grundsatzfrage nach gültigen Leitbildern ist zu stellen.
Dipl. Psychologe Ulrich Schmitz-Roden: Brauchen Kinder Psychotherapie?
Am Weltkindertag 2009 (20. September 2009) hielt Dipl.Psychologe Ulrich Schmitz-Roden, Leiter der Elisabeth-Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie Dortmund, in unserem Gemeindehaus einen Vortrag zum Thema "Brauchen Kinder Psychotherapie?"
Nachfolgend eine mit dem Referenten abgestimmte kurze
Zusammenfassung:
Zur Überraschung der Zuhörer verneinte Schmitz-Roden,
dass Kinder Psychotherapie brauchen. Er zitierte mehrere Zeitschriften,
die offensichtlich in letzter Zeit darauf aufmerksam machen, dass wir
die Kinder mit psychotherapeutischen Maßnahmen
überschütten und dass es vielleicht sinnvoller sei,
mit mehr Gelassenheit und Reflektiertheit an die Fragestellung
heranzugehen.
Er zitierte z.B. Remo Lago: "Was Kindern heute fehlt, sind nicht Therapien. sondern eine Welt, die ihnen gerecht wird, Beziehungen, die nicht auf Leistungen aufbauen, mit einem altmodisch verkitschendem Wort: Sie brauchen Geborgenheit."
Den Verweis auf die Eigenverantwortlichkeit der Eltern begründete er mit einem Exkurs durch philosophische Gedankengänge und auch durch den Hinweis auf wissenschaftliche Forschungen, hier am Beispiel der Hirnforschung, dass diese beiden Disziplinen bei der Fragestellung: "Was ist der Mensch? Was kann ich wissen? Was kann ich erwarten?" uns eigentlich nur auf uns selbst zurückwerfen, weil für den Alltag keine entscheidenden Antworten zu erwarten sind.
Der Mensch ist auf sich selber zurückgeworfen und muss sein Leben führen, wie der. Philosoph Dieter Henrich sagt. Sein Leben zu führen bedeutet, ein bewusstes Leben zu leben. Aus der Philosophie zitierte Schmitz-Roden Gottlieb Fichte, der in seinen philosophischen Reflexionen ausführte, dass das Ich sich selber setzt, damit der Mensch bei seinen Reflektionen über sich nicht in einen unendlichen Regress hinein gerät.
Aus der Hirnforschung machte er deutlich, dass dort die Frage Bewusstsein und die Frage der Verantwortung des eigenen Handeins um die Jahrtausendwende vorschnell beantwortet worden sind, da kaum lösbare Probleme die Hirnforschung eigentlich dazu zwingt, diesbezüglich keine Aussage machen zu können. Er berief sich da auf Wolf Singer und berichtete von den Bindungsproblemen und dem Problem der Dritte-Person-Perspektive.
Damit ist, wie bereits schon erwähnt, der Mensch auf sich selber zurückgeworfen und er muss sich selber entwerfen und, so er auch bewusst leben will, hat er sich selber eigenverantwortlich zu verhalten. Das bedeutet unter anderem für die Elternschaft, dass wir diese nicht delegieren können. Schon das Bewusstsein, dass das komplexe Erfahrungswissen nicht durch das Expertenwissen ersetzen werden kann, setzt uns in die erzieherische Verantwortung.
Wenn sich Eltern dann in der Therapie Hilfen und Anleitung holen, um in erzieherischen Aufgaben, die heute sicher nicht einfacher geworden sind, mehr Sicherheit zu erhalten, ist das eine Hilfestellung, aber kein Ersatz für die wichtige, nicht zu ersetzende Eltern-Kind-Beziehung.
Was braucht also das Kind, wenn schon keine Therapie? Es braucht, wie es nun deutlich wird, bewusst lebende Eltern:
- Eltern, die selbstbewusst sind,
- Eltern, die normen vorgeben und vorleben,
- Eltern, die die Kinder emotional tragen,
- Eltern, die Grenzen setzen und hierin auch konsequent sind,
- Eltern, die weniger reden als vielmehr handeln,
- Eltern, die ihre Kinder auch loslassen können,
- Eltern, die ihre Kinder nicht für sich haben müssen als emotionale Stütze oder Wunscherfüllung
Diese Aussagen ließen sich sicherlich noch erweitern, aber sie machen deutlich, was bewusstes leben in der Elternschaft heißt.
Zum Schluss zitierte Schmitz-Roden noch einmal Dieter Henrich, der ausführte, dass das bewusste leben eigentlich nur vor dem Hintergrund oder in der Haltung einer kontemplativen Dankbarkeit zu erlernen ist. Kontemplative Dankbarkeit wächst mit der Erkenntnis, dass man sein leben, das man führt, geschenkt bekommen hat. Damit ist der Hinweis gegeben, dass der Mensch sich nur als ein metaphysisches Wesen begreifen kann, weil er einsehen muss, dass er rational nicht die eigentlichen Fragen an das Menschsein beantworten kann.
Dr. Horst Luckhaupt: "Mein Wille geschehe" - Patienverfügung - Vorsorgevollmacht (einige Hinweise)
Dr. Horst Luckhaupt, Vorsitzender des diözesanen Ethikrates der Erzdiözese Paderborn:
Am 1.September 2009 ist das 3. Gesetz zur Änderung des Betreuungsrechts in Kraft getreten, die Patientenverfügung wird neben der bereits geregelten Vorsorgevollmacht und der Betreuungsverfügung im Betreuungsrecht verankert und erhält eine zentrale Stellung.
In einer Patientenverfügung werden Vorentscheidungen über zukünftige medizinische Behandlungsmaßnahmen getroffen, rechtlich und ethisch ist sie ein Instrument antizipativer Selbstbestimmung. Selbstbestimmung und Integrität sind zentrale Orientierungs- und Maßstabskriterien ärztlichen Handelns gerade auch am Lebensende, sie sind auch grundrechtliche Schutzgüter.
Wesentlich ist eine konkrete Beschreibung zukünftig gewünschter oder nicht gewünschter Therapiemaßnahmen (eine Formulierung wie "Verzicht auf Intensivmedizin" ist zu allgemein und beinhaltet zu große Interpretationsspielräume).
Das neue Patientenverfügungsgesetz verlangt eine schriftliche Abfassung der Patientenverfügung, Einwilligungsfähigkeit und Volljährigkeit sind Voraussetzung. Stets ist zu prüfen, ob die Äußerungen in einer Patientenverfügung auf die aktuelle Lebens- und Behandlungssituation des Kranken zutreffen.
Eine Patientenverfügung kann jederzeit widerrufen werden. Mit einer Vorsorgevollmacht bevollmächtigt ein Patient eine Vertrauensperson für den Fall, dass er nicht mehr in der Lage ist, seinen Willen zu äußern, für ihn Entscheidungen z. b. in Gesundheitsangelegenheiten zu treffen; daher ist eine Kombination von Patientenverfügung und Vorsorgevollmacht unbedingt zu empfehlen.
Bevollmächtigte oder Betreuer sollen mit dem behandelnden Arzt die medizinischen Maßnahmen unter Berücksichtigung des Patientenwillens erörtern. Falls keine Patientenverfügung vorliegt oder die Festlegungen einer Patientenverfügung nicht auf die aktuelle Lebens- und Behandlungssituation zutreffen, so ist der mutmaßliche Wille des Patienten zu ermitteln (frühere Äußerungen, religiöse oder ethische Überzeugungen, persönliche Wertvorstellungen des Betroffenen).
Ganz wesentlich ist der - im Patientenverfügungsgesetz nicht vorhandene - Hinweis auf eine fachkundige Beratung vor Abfassen einer Patientenverfügung (z.B. Hausäzte, Seelsorger u.a.). Gerade aus christlich-ethischer Sicht ist anzumerken, dass die fehlende Reichweitenbeschränkung sehr kritisch betrachtet werden muß!
Dr. Walter Repges – Schöpfung und Evolution
Einleitung
Das Thema Schöpfung und Entwicklung bzw. Evolution ist seit einiger Zeit nicht gerade in aller Munde, aber doch in vieler Munde. Die Jesuitenzeitschrift "Stimmen der Zeit" und die Herber-Korrespondenz brachten in den letzten Jahren mehrere Artikel über das Thema "Evolution und Schöpfung". Das Katholische Bildungswerk Bonn veranstaltete im vergangenen Jahr (2006) zwei Vorträge über das gleiche Thema. In den ersten Augusttagen 2006 traf sich auf Einladung des Papstes in Castel-Gandolfo eine Reihe von Schülern aus seiner Professorenzeit, um eben dieses Thema "Schöpfung und Evolution" zu vertiefen. Schließlich wurde in Salzburg im gleichen Monat August im Rahmen der Salzburger Hochschulwochen eine mehrtägige Vorlesungsreihe hierzu angeboten. Das Thema war mit einem Fragezeichen versehen. Es lautete "Schöpfung versus Evolution?" und brachte so die augenblickliche Diskussion auf den Punkt, eine Diskussion, die ausgelöst wurde von denen, die sagen: entweder Schöpfung oder Evolution und die damit meinen: entweder Glaube an Gott den Schöpfer oder Behauptung, dass sich alles von selbst entwickelt habe.
Besonders heftig ist der Streit zwischen den Verteidigern der angeblichen Schöpferwürde Gottes und den Vertretern der Evolutionslehre in den USA, ein Streit, der dort in zunehmendem Maße auch die Gerichte beschäftigt. Einmal wird den Gegnern der Evolutionslehre der Unterricht an staatlichen Schulen verboten, ein anderes Mal den Vertretern dieser Lehre.
Was die Gegner der Evolutionslehre befürchten, ist die Absetzung Gottes des Schöpfers, lateinisch creator. Sie aber wollen ihn und seine Ehre verteidigen. Deshalb werden sie Kreationisten genannt. Ihre Argumentation ist: Hinter allem steht doch ein vernünftiger Plan, englisch: intelligent design, und wo ein vernünftiger Plan ist, da ist auch ein vernünftiger Planer, ein intelligent designer. Und das müsse auch die Naturwissenschaft erkennen und bestätigen. Und wenn sie das nicht tut, ist sie falsch.
Mit aller Schärfe wenden sich diese Kreationisten gegen Charles Darwin, der im 19. Jahrhundert mit seinen Büchern "Die Entstehung der Arten durch natürliche Auslese" (1859) und "Die Abstammung des Menschen" (1871) darzulegen versucht hat, dass Mutation (sprich Zufall) und Selektion (sprich natürliche Auslese) die Gründe für Weiter- und Höherentwicklung des Lebens sind.
Darwin selbst schrieb am Ende seines Buches "Die Abstammung des Menschen": "Ich weiß, dass manche die Schlüsse, zu denen dieses Werk gelangt, als höchst irreligiös bezeichnen werden, allein, wer dies tut, muss zeigen, warum..." (L 220). Und kein Geringerer als der nachmalige englische Kardinal John Henry Newman stellte gänzlich unaufgeregt fest: "Ich kann nicht verstehen, warum der Darwinismus mit der katholischen Lehre unvereinbar sein soll." (L 216)
Und Hans Küng schreibt in seinem Buch "Der Anfang aller Dinge" (das er übrigens kurz vor seinem Besuch bei Papst Benedikt XVI. diesem zugesandt hatte): "Urknalltheorie und Schöpfungsglaube,. Evolutionstheorie und Erschaffung des Menschen widersprechen sich nicht." (S. 137)
Nun schrieb der Wiener Kardinal Schönborn im Juli 2005 in der New York Times, das Vorhandensein eines vernünftigen Planes in der Biologie sei so evident, dass auch die Wissenschaft das erkennen und anerkennen müsse. Aber einige Tage später nahm er diese Behauptung zurück. Er habe lediglich auf das Existieren eines solchen Planes, nicht auf seine auch naturwissenschaftliche Erkennbarkeit hinweisen wollen und sich gegen diejenigen gewehrt, die einen intelligenten Plan in der Schöpfung kategorisch ausschließen und behaupten, nur das sei wissenschaftlich vertretbar. (Vgl. dazu Herder-Korrespondenz Oktober 2005, S. 498)
Hauptteil
Ich bin kein Fachmann. Wie sollte ich auch. Deshalb will ich mich in meinen weiteren Ausführungen an das Urteil eines Fachmannes halten, der selbst Biologe und Theologe ist und der seine Lehrbefähigung zum Universitätsprofessor mit einer Habilitationsschrift nachgewiesen hat, die sowohl von zwei Professoren der Theologie (Metz und Werbick) als auch von einem Professor der Biologie (Kuhlmann) positiv begutachtet wurde und die mit dem Titel "Bio-Theologie" und dem Untertitel "Zeit - Evolution - Hominisation" als Buch erschienen ist. Dieser Fachmann ist Ulrich Lüke, Priester der Diözese Münster und jetzt Professor in Aachen.
Dabei will ich drei Themen herausgreifen:
I. Das Verhältnis von Schöpfung und Evolution
II. Die Entstehung des Menschen
III. Die Erschaffung der Seele.
I. Das Verhältnis von Schöpfung und Evolution
Hermann Volk, zuerst Theologieprofessor in Münster und danach Bischof und Kardinal in Mainz, war unter seinen Studenten damals bekannt und beliebt durch seine kurzen und einprägsamen Sprüche, etwa
"Gott tut möglichst wenig selbst" und
"Gott schaltet ein und nicht aus".
Wörtlich schrieb Volk später im Lexikon für Theologie und Kirche unter dem Stichwort Entwicklung: "Weil Gott die immanenten Kräfte zur Entwicklung miterschafft und die Kreatur ein- und nicht ausschaltet, entspricht es dem Schöpfungsglauben anzunehmen, dass Gott nicht erschafft, was durch Entwicklung werden kann." (L 116)
Ähnlich schrieb der französische Jesuit und Paläontologe Pierre Teilhard de Chardin: "Gott macht, dass die Dinge sich selbst machen." (L 127)
Ja, Ulrich Lüke weist darauf hin, dass sogar der Scholastik, also der Theologie des Mittelalters, der Gedanke geläufig war, "dass Gott, ohne aufzuhören, die alles begründende Ur- Ursache zu sein, was immer durch Zweitursachen geschehen kann, auch durch diese geschehen lässt. ohne selbst ,neuerlich` einzugreifen." (L 206)
Nun macht Hermann Volk eine Einschränkung gegenüber seiner Feststellung, dass Gott möglichst wenig selbst tut. In der Erschaffung des Menschen mag belebte Materie beansprucht worden sein. Der Geist aber ist kein Produkt der Entwicklung der Materie, sondern von Gott gesondert geschaffen. (L 216)
Andere machen noch mehr Einschränkungen. Vor allem der Übergang von der toten Materie zu lebenden Organismen sei ohne ein erneutes schöpferische Eingreifen Gottes nicht denkbar.
Da hakt Lüke ein. Das sieht ja so aus wie Flickschusterei, als habe Gott bei der ursprünglichen Schöpfung etwas vergessen und müsse das nachträglich wieder gutmachen, weil es ohne ihn nicht weitergeht. Das wäre doch mit seiner Schöpferwürde nicht vereinbar, eine Welt zu schaffen, die ohne sein persönliches späteres Eingreifen nicht alleine sein und leben und sich entwickeln kann.
Vor allem wäre das mit Gottes Zeitlosigkeit unvereinbar. Er ist doch jenseits von Zeit und Raum, die er erst aus dem Nichts geschaffen hat. Für ihn gibt es kein früher oder später, heute Erschaffung der Erde, morgen Erschaffung der Pflanzen und Tiere und übermorgen Erschaffung des Menschen. Für ihn gibt es nur ein Heute, ein Jetzt, das alles in sich schließt, "stets gegenwärtige Ewigkeit," wie Augustinus bekennt (Confessiones XI, 13). Er ist allgegenwärtig, überall ist er da und jederzeit ist er da. Früher und später, heute und morgen sind menschliche, also geschaffene Kategorien, die wir nicht auf Gott übertragen dürfen.
Heißt das nun, dass Gott die Welt ein für allemal geschaffen und sich selbst dann zur Ruhe gesetzt und die Welt ihrem eigenen Schicksal überlassen hat? Keineswegs. Er ist doch allgegenwärtig, überall gleichzeitig, nicht heute der Schöpfer und morgen der Ruheständler, der sich um sein Geschöpf nicht mehr kümmert, sondern er ist eben nicht nur einmal der Schöpfer, sondern jederzeit der Schöpfer, der in einem einzigen, nur aus unserer beschränkten Sicht trennbaren Akt die Welt erschafft und sie im Dasein erhält. Erschaffung aus dem Nichts - creatio ex nihilo - und fortwährende, immerwährende, andauernde Erschaffung - creatio continua - sind für ihn ein und dasselbe und müssen deshalb auch von uns als Einheit gesehen werden. In der Erschaffung der Welt aus dem Nichts hat er gleichzeitig das Leben und den Menschen, eben alles, miterschaffen. Nur wir in unserer Beschränktheit sehen da - weil wir nicht anders können - zeitliche Unterschiede, obwohl für Gott alles zeitlos ist, sei es der sogenannte Urknall, sei es das erste Auftreten des Lebens, sei es das erste Auftreten des Menschen, eben alles, was wir zeitlich auseinanderzerren.
Wörtlich schreibt Lüke (S. 165): "Der allgegenwärtige ist der aller Raumzeit enthobene und in ihr zugleich wirksam gegenwärtige, sie zugleich, d. h. im selben Akt ins Sein hebende und im Sein erhaltende Gott."
II. Die Entstehung des Menschen
Auf einem ganz kleinen Planeten am Rande einer der vielleicht 100 Milliarden Galaxien bzw. Milchstraßensysteme, von denen jedes in der Regel mehr als 10 Milliarden Sterne enthält, entstand vor etwa 3 bis 5 Milliarden Jahren das erste Leben. Doch es dauerte noch weitere Milliarden Jahre, bis sich vor nunmehr 10 bis 15 Millionen Jahren das Geschlecht der Hominiden genannten Vor- oder Frühmenschen von jenem Geschlecht abzweigte, aus dem sich die heutigen Menschenaffen entwickelten, die also die gleichen Vorfahren haben wie der heutige Mensch.
Doch bis aus dem Vor- oder Frühmenschen bzw. Hominiden der moderne Mensch wurde, vergingen noch etliche weitere Millionen Jahre. Begann doch dessen erstes Auftreten erst vor nunmehr rund 200.000 Jahren.
Die Weiterentwicklung des Vor- oder Frühmenschen zum Jetztmenschen erfolgte in fünf Stufen.
1.) Die sogenannten Australopithecinen, d.h. die südlichen Affenartigen. Sie lebten vor zwischen 4 und 1 Millionen Jahren im südlichen Afrika und gelten als Übergangswesen zwischen Tier und Mensch.
2.) Der homo habilis = der fähige Mensch. Er lebte vor etwa 2, 2 bis 1, 2 Millionen Jahren und begann schon, Steinwerkzeuge herzustellen, wozu kein heutiger Menschenaffe (Gorilla, Orang-Utan, Schimpanse) fähig ist.
3.) Der homo erectus = der ständig und nicht nur zeitweise aufrechtgehende Mensch. Er tauchte zum ersten Mal auf vor 1,6 bis 1, 8 Millionen Jahren. Man fand Funde von ihm auch in China. Er beherrschte den Gebrauch des Feuers, war Großwildjäger und benutzte Handäxte und Hackmesser aus Stein.
4.) Der Neandertaler. Man begegnet ihm zum ersten Mal etwa um 200.000 vor Christus, nach einigen Forschern sogar schon um 300.000 und nach wieder anderen erst um 135.000. Und gegen 35.000 vor Christus starb er aus. Er ist kein unmittelbarer Vorfahre des heutigen Menschen. Vielmehr lebten dessen Vorfahren parallel zum Neandertaler. Der homo erectus hatte sich also in zwei separaten Entwicklungslinien weiterentwickelt.
Der Neandertaler besaß schon die Fähigkeit zu artikulierter Lautgebung, wenn nicht zum Sprechen in unserem Sinne, so doch zu einem Sprechen, das mehr war als Töne von sich geben. Vor allem entwickelte er - was vorher noch nie jemand getan hatte - Totenbestattungen mit Grabbeigaben.
5.) Der moderne Mensch. Er nennt sich stolz homo sapiens, vernünftiger Mensch, ja sogar doppelt vernünftiger Mensch, homo sapiens sapiens. Denn homo sapiens - einfach vernünftig - nennt man auch den Neandertaler.
Erstes nachweisbares Auftreten des homo sapiens sapiens war in Afrika, und das vor etwa 100.000 bis 200.000 Jahren. In Europa findet man ihn erst seit etwa 40.000 Jahren, in Amerika übrigens seit etwa 30.000 Jahren.
Die Frage stellt sich: Wo ist der Rubikon, die Grenzlinie, von der man sagen kann: Erst jenseits dieser Linie handelt es sich nicht mehr um ein hochentwickeltes Tier, sondern um einen wirklichen Menschen? Weiches ist das untrügliche Kennzeichen für das Menschsein?
Einige sagen: der aufrechte Gang. Andere: der Gebrauch des Feuers.
Der schon einmal erwähnte Jesuit und Paläontologe Teilhard de Chardin sagt etwas ganz anderes:
Was den Menschen vom Noch-Tier zum Schon-Menschen macht, ist das Ich-Bewusstsein.
Das Tier weiß zwar, aber es weiß nicht, dass es selbst derjenige ist, der, weiß. Es kann nicht sagen "Ich weiß". Es hat kein Ich-Bewusstsein, kein Selbst-Bewusstsein. Das hat nur der Mensch.
Diesen Schritt vom Bewusstsein zum Ich-Bewusstsein hat nicht erst der homo sapiens vollzogen, sondern spätestens der homo habilis. Zu fragen, wann das genau war, ist genau so müßig wie zu fragen, wann genau bei Tagesanbruch die Dunkelheit aufhört und die Helligkeit beginnt.
Allein, es muss noch etwas hinzukommen zum Ich-Bewusstsein. Rudimentäre Formen oder zumindest Vorformen des Ich-Bewusstseins gibt es auch im Tierreich, etwa das Wissen darum, welche Stellung ich und nur ich inmitten meiner Artgenossen einnehme, etwa in dem Sinne von: Ich bin hier Chef und sonst keiner. Neuere Versuche mit Schimpansen zeigten sogar, dass eine Schimpansin in einem farbigen Plastikgebilde sich selber wiedererkennen konnte, so als ob sie sagen wollte: That's me! Das bin ja ich!
Was noch hinzukommen musste, um von einem Wesen zu sagen "Es war ein Mensch", wurde überdeutlich an Gräbern der Neandertaler, bei denen man Beigaben für die Toten fand: Steinwerkzeuge, Lebensmittel, sogar Blumen. Man glaubte also an ein Weiterleben nach dem Tode und gab dem Toten mit auf den Weg, was er für ein Leben im Jenseits brauchte. Und das nachweislich vor mehr als 150.000 Jahren!
Sichtbare Äußerungen eines Glaubens an ein Jenseits gab es auch anderswo, auch solche, die sich vielleicht darauf deuten lassen, dass man im Jenseits jemanden vermutete bzw. erwartete, dem man als Zeichen seines Dankes, seiner Bitte, seiner Sühne Opfergaben darbrachte, dem gegenüber man sich jedenfalls irgendwie äußerte.
Was es aber noch früher als jede Art von sichtbaren, auch heute noch vorfindlichen, wenn auch nicht immer leicht zu interpretierenden Äußerungen eines Jenseitsglaubens gab, war dieser Glaube selbst. Erst muss ja einmal der Glaube oder irgendeine Art von Vorstellung oder Ahnung da sein, ehe man ihn äußert. Und den gab es zumindest ansatzweise vielleicht sogar schon beim homo erectus.
Was aber auch diesem noch vorausging und den Weg zu einem irgendwie gearteten Jenseitsbezug ebnete, war das Fragen, das Fragen nämlich nach sich selbst. Aus dem Sichbesinnen auf sich selbst erwächst das Fragen nach sich selbst: wer bin ich, wo komme ich her, was soll ich überhaupt, wohin gehe ich - und das Ausbleiben einer allseits befriedigenden Antwort. Die finde ich nicht in mir selbst. Die muss von woanders kommen. Und dieses Ahnen eines Woanders, das Hoffen und das Warten darauf und das Spüren, dass es so etwas geben muss, auch die Enttäuschung darüber, dass man es nicht greifen und nicht beweisen kann, ist der Beginn einer wie auch immer gearteten Religiosität und damit der Beginn des Menschseins.
Mensch ist nicht einer, der Waffen trägt und Feuer anmachen kann. Mensch ist einer, der nach sich selbst fragt und der, da er da nicht weiter kommt, letztlich nach Gott fragt, der einen Transzendenz- oder Gottesbezug hat, wie Lüke es formuliert, wobei er die rhetorische Frage stellt: "Sollte Gott, sofern er sich mitteilt, dies nicht auch in Frageform tun können?" (L 291) Die vom Menschen selbst erfahrene Fraglichkeit seiner Existenz wäre dann die ihm zukommende Form der Selbstmitteilung Gottes oder, mit Lüke zu sprechen: "Bereits in der ersten Morgendämmerung des aufgehenden Selbstbewusstsein entsteht als das gegen das Sichtbare zaghaft abgehobene Nichtsichtbare der Gottesbezug." (L 294)
Eine weitere Frage erhebt sich, nämlich ob denn alles, was Mensch ist, von einem einzigen Menschenpaar abstammt.
Teilhard de Chardin weist darauf hin, dass die Paläontologie diese Frage nicht beantworten kann. Sie beschäftigt sich nur mit Arten und ist auf deren Überreste angewiesen. Ein einzelner Adam ist schlechthin unentdeckbar. Für Teilhard gibt es außerdem gewichtige biologische Argumente gegen den Monogenismus, also gegen die Lehre von der Abstammung aller Menschen von einem einem einzigen Elternpaar. Diese Argumente sind so stark, dass für ihn diese Lehre wissenschaftlich unhaltbar ist.
Karl Rahner plädiert dafür, dass die Menschheit zwar nicht von einem einzelnen Menschen abstammt, aber von einer Menschengruppe bzw. einem ganzen Stamm, dem der Übergang vom Noch-Tier zum Schon-Menschen gelungen ist.
Ulrich Luke selbst schließlich hält die Abstammung aller Menschen von einem einzigen Menschenpaar für biologisch höchst unwahrscheinlich. Er ist vielmehr der Meinung, dass es mehrere Gruppen des homo erectus gab, die unabhängig voneinander vom Selbstbezug zum Jenseits- bzw. Gottesbezug gelangten und so die Grenze zum Menschsein überschritten. Der Ursprung des heutigen Menschen sei nicht in einer, sondern in vielen Evas zu suchen, auch nicht in einem einzelnen Stamm, wie Rahner meint, sondern in vielen Stämmen.
Nun sagt die Bibel aber, es gäbe nur einen einzigen Stammvater und nur eine einzige Stammmutter, nämlich Adam und Eva.
Dazu ist zu sagen. Man darf auch die biblische Geschichte von der Erschaffung von Adam und Eva nicht wortwörtlich als historischen Bericht missverstehen, genau so wenig wie die Geschichte von der Erschaffung der Welt in nur sechs Tagen. Das letzte Konzil hat ausdrücklich dazu aufgefordert - zumindest dazu ermuntert -, bei der Interpretation der Bibel die jeweilige literarische Art zu beachten. Und die Erzählung von Adam und Eva ist nach der begründeten Meinung der heutigen Bibelwissenschaftler eine symbolische Erzählung vom Menschen als solchem. Adam ist nicht ein individueller Eigenname, sondern das hebräische Wort für Mensch überhaupt. So ist der Mensch: Kind Gottes, zu Großem berufen und doch Versuchungen ausgesetzt, denen zu widerstehen ihm einfach nicht gelingen will. Doch auch dann noch bleibt ihm die zuversichtliche Hoffnung, dass sein Leben letztlich gelingen und er sein eigentliches Ziel erreichen wird.
Die Genesiserzählung der Bibel ist wie jede großartige Poesie: Sie meint im einzelnen das Ganze.
Und was ist die offizielle Lehre der Kirche? Hat nicht die Enzyklika von Papst Pius XII. aus dem Jahre 1950 mit aller Deutlichkeit am Ursprung des gesamten Menschengeschlechtes aus einem einzigen Menschenpaar festgehalten?
Dazu ist zu sagen: Einmal: eine Enzyklika besitzt zwar hohe Autorität, ist aber kein Dogma und darum auch nicht unfehlbar. Und zum anderen: Pius XII. wollte am Monogenismus festhalten, weil er sonst keine Möglichkeit sah, an der Lehre von der Erbsünde festzuhalten.
Und wenn man die Lehre von der Erbsünde nun auf andere Weise darstellen könnte? Schließlich ist sie ja ohnehin den ersten christlichen Jahrhunderten unbekannt gewesen und erst von Augustinus nicht gerade entdeckt, aber doch eingeschärft worden. Anlass dazu war die damals aufgekommene Praxis der Kindertaufe. Taufe hieß von Anfang an: Abwaschung von Sünden. Wie kann man aber kleine Kinder taufen, die noch gar nicht in der Lage waren, Sünden zu begehen? Oder sollten sie doch in Sünden geboren sein und von Adam nicht nur ihr Menschsein, sondern auch dieses ihr Sündigsein, ja sogar ihr Schuldigsein geerbt haben?
Eine Lösung des Problems, wie man denn ohne Monogenismus so etwas wie Erbsünde erklären könnte, bietet der 1985 von der Deutschen Bischofskonferenz herausgegebene Katholische Erwachsenen-Katechismus. Darin liest man auf Seite 134:
"Der Sinn der kirchlichen Lehre ist gewahrt, wenn festgehalten wird, dass die Menschheit, welche eine Einheit bildet, bereits an ihrem Anfang das Heilsangebot Gottes ausgeschlagen hat und dass die daraus resultierende heillose Situation eine universale Wirklichkeit ist, aus der sich keiner aus eigener Kraft befreien kann. Wird dies festgehalten, dann ist die Frage, ob Monogenismus oder Polygenismus (also Abstammung von nur einem oder von vielen Elternpaaren), eine rein wissenschaftliche Frage, aber keine Frage des Glaubens."
Und der frühere Kardinal Joseph Ratzinger und jetzige Papst Benedikt XVI. ging sogar noch einen Schritt weiter und schrieb in seiner "Einführung in das Christentum" (München 1968, S. 202 f.):
"Der Sitz der Erbsünde, ist in diesem kollektiven Netz - wie Milieu, Tradition, jenem "Man", das den Menschen niederhält, - zu suchen, das als geistige Vorgegebenheit der einzelnen Existenz vorausgeht, nicht in irgendeiner biologischen Vererbung zwischen lauter sonst völlig getrennten einzelnen. Von Erbsünde zu reden besagt eben dies, dass kein Mensch mehr am Punkt Null, von der Geschichte völlig unversehrt anfangen kann. Keiner steht in jenem unversehrten Anfangszustand, in dem er nur frei sich auswirken und sein Gutes zu entwerfen brauchte; jeder lebt in einer Verstrickung, die ein Teil seiner Existenz selber ist."
IIl. Die Erschaffung der Seele
1.) Dazu eine Vorfrage: Was ist überhaupt Seele? In der abendländischen Geschichte ist lange Zeit - im Anschluss vor allem an Plato - der Ton auf die Zweigeteiltheit des Menschen gelegt worden, wenn man das so formulieren darf. Der Mensch ist einerseits Geist (res cogitans sagt Descartes) und andererseits Körper (res extensa, wie Descartes sagt). Die Seele ist unsichtbar, aber sie ist da, sie ist sogar das bestimmende Element, sagt dem Körper, was er tun soll, ja, macht überhaupt, dass er lebt. Denn wenn die Seele nicht mehr da ist, ist der Körper tot.
Die mittelalterliche Theologie nannte - gestützt auf Aristoteles - die Seele das formgebende Prinzip: anima forma corporis. Ohne die Seele wäre der Leib nur formlose Masse, ungeformte Materie, wie man sagte.
Diese ohne die Seele formlose Masse, die noch kein richtiger Mensch ist, stammt von den Eltern. Die Seele wird von Gott dazugegeben, nach Thomas von Aquin - aber auch noch anderen mittelalterlichen Theologen - bei Jungen am 40. Tag nach der Empfängnis, bei Mädchen erst am 80.
2.) Was ist denn nun die offizielle kirchliche Lehre?
In den ersten christlichen Jahrhunderten wurde von einigen die Lehre vertreten, die Seele sei ein Teil Gottes. Dieses wurde auf den Synoden von Toledo (399) und Braga (561) verworfen: die Seele wird von Gott aus nichts geschaffen.
Andere behaupteten, die Seele sei präexistent, also schon vor dem Körper da. Das wurde auf der Synode von Konstantinopel (543) strikt abgelehnt.
Andere kirchliche Lehräußerungen schärften ein, dass die Seele nicht von den Eltern stammt, - nicht einmal von dem Vater, wie es in einem Schreiben an die Armenier aus dem Jahre 1341 hieß -, sondern von Gott.
Das Konzil im Lateran (1513) schließlich betonte die Unsterblichkeit der Seele.
Das sind also die wichtigsten Punkte der kirchlichen Lehre:
Die Seele ist unmittelbar von Gott geschaffen, und sie ist unsterblich.
Ein römisches Dokument aus dem Jahre 1914 hält diese beiden Aspekte fest und ergänzt, dass die von Gott geschaffene Seele "einem hinreichend veranlagten Zugrundeliegenden eingegossen werde" (L 297), als einem Etwas, das in der Lage war, die Seele aufzunehmen.
3.) Und was sagt Ulrich Lüke selbst?
Von Beseelung des Menschen darf man sprechen, sobald sein Transzendenz- oder Gottesbezug da ist, und zwar nicht erst, wenn dieser sich - wie beim Neandertaler - in Bestattungsriten äußert, sondern viel früher, schon als der Mensch noch gar nicht in der Lage war, diese seine Ahnungen, Hoffnungen oder gar Überzeugungen auch sichtbar zu äußern.
Dieser Transzendenz- oder Gottesbezug ist nicht identisch mit dem Vorhandensein einer Seele. Das sähe so aus, als wenn nur der Mensch am Werke wäre. Er ist aber ein untrügliches Zeichen, ein Indiz dafür.
Es muss noch etwas hinzukommen, nämlich das, was wir Erschaffung der Seele nennen. Aber diese Erschaffung allein tut es auch nicht. Auch Gott ist nicht alleine am Werke. Die Erschaffung setzt vielmehr ein Zweites voraus, das, was das eben erwähnte lehramtliche Dokument aus dem Jahre 1914 "ein hinreichend veranlagtes Zugrundeliegendes" nannte.
Denn es gibt hier auf Erden nun einmal keine Seele pur. Es gibt nur einen beseelten Menschen bzw., wie der landläufige Ausdruck heißt, einen Menschen, der eine Seele hat.
Beides zusammen - Transzendenz- bzw. Gottesbezug von Seiten des Menschen und Erschaffung der Seele von Seiten Gottes - lässt sich durch das Vorstellungsmodell von Wort und Antwort darstellen. x Im schöpferischen Wort, d. h. in der Erschaffung der Seele, tritt Gott in eine Menschwerdung erst ermöglichende Beziehung zur Schöpfung; in der darauf reagierenden Antwort, der empirisch fassbaren Befähigung zum Transzendenz- oder Gottesbezug, erweist sich der Hominide als Mensch." (L 325)
So schreibt Ulrich Lüke wörtlich. Das damit
Gemeinte klingt viel einfacher, wenn man es so formuliert:
Transzendenzbezug ist nicht gleich mit Seele, aber Zeichen
dafür, dass Gott zu jemandem gesprochen und dieser das
gehört und darauf geantwortet hat - und so Mensch geworden ist.
Aber viel schöner, ja geradezu poetisch hatte das der Philosoph und Theologe Nikolaus von Kues, der im 15. Jahrhundert lebte, zum Ausdruck gebracht:
"Und es hört dich die Erde, und dieses ihr Hören ist das Werden des Menschen." (L 264)
4. Und was geschieht, wenn der Mensch stirbt?
Die gängige Auffassung ist: Tod bedeutet Trennung von Seele und Leib. Die Seele geht ein ins Jenseits, konkret in Himmel, Hölle oder Fegefeuer. Der Leib bleibt alleine zurück und wartet auf den Tag der Auferstehung.
Gegen eine solche Auffassung meldet Lüke Bedenken an.
Seele ist nicht der nach dem Tode entschwindende Rest einer Einheit, die einmal Mensch war (L 317). Seele ist vielmehr der todüberwindende Repräsentant des ganzen Menschen einschließlich seiner einmaligen Geschichtlichkeit (L 89). Die konkrete Geschichte eines Menschen ist in dem, was wir Seele nennen, unverwechselbar und unwiederholbar aufgehoben (L 317).
Zahlreiche Theologen (so Rahner, Metz, Vorgrimler, Balthasar, Boros, Lohfink, Biser, Bischof Kamphaus und Lüke selbst auch) sprechen deshalb von der Auferstehung im Tode und nicht erst am Jüngsten Tage. Denn im Jenseits gibt es keine Zeit mehr und darum auch kein früher oder später, persönliches Gericht jetzt, Jüngstes Gericht später und dazwischen womöglich noch so etwas wie zeitliche Sündenstrafen. Das alles gibt es nur aus der Hinterbliebener-Perspektive. Die im Tode sich ereignende Begegnung mit Gott ist schon definitiv richtend, läuternd, heilend - und so vollendend. (L 76)
Bleibt noch die Frage, ob das nicht anstößig, ja geradezu verrückt ist, von einer Auferstehung des ganzen Menschen im Tode zu sprechen. Dazu verweist Lüke auf das Beispiel Marias, der Mutter Jesu. Die Kirche hat nicht nur geglaubt, sondern in dem Dogma von ihrer Himmelfahrt aller Welt verkündet, dass sie nach Vollendung ihres irdischen Lebens mit Leib und Seele aufgefahren ist zu Gott. (L 84)
Schluss
Wenn man liest und hört, was nach Ansicht heutiger Biologen alles sozusagen von selbst sich entwickeln konnte, dann drängt sich die Frage auf: Und wo bleibt Gott?
Die Antwort lautet: Gott ist immer da, nicht nur bei der Entstehung des Lebens überhaupt und bei der Menschwerdung des Menschen, sondern in jedem Samenkorn, das zu einer Pflanze wird, in jeder Raupe, die zu einem Schmetterling wird. Bei allem ist er es, der macht, dass es wird. Sogar wenn wir von Zufällen reden - oder von Mutationen, wie Darwin es tat -, bleibt doch festzuhalten: Gott kann auch auf krummen Wegen gerade schreiben.
Also doch ein Intelligent Designer hinter allem? Natürlich! Wenn die Verfechter dieser Lehre nur nicht zugleich mit so abstrusen Ideen wie der einer aus der Bibel errechenbaren, nur ein paar tausend Jahre alten Geschichte der Erde und des Menschen oder ähnlichen Merkwürdigkeiten aufwarteten.
Und von Jesus wissen wir, dass hinter allem nicht nur ein Intelligent Designer steht, sondern dass dieser Intelligent Designer ein Vater ist, der mit ausgebreiteten Armen auf uns wartet, um uns an sein Herz zu drücken und sein eigenes seliges Leben leben zu lassen.
Anmerkung: Im Vorstehenden gibt L mit einer dahinter stehenden Zahl die Seitenzahl an in: Ulrich Lüke, "Als Anfang schuf Gott..." Bio-Theologie. Zeit - Evolution - Hominisation, 2. Aufl., Paderborn 2001.
Zitate, bei denen die Quellen gesondert angegeben wurden, sind nicht dem Buch von U. Lüke entnommen.
Dr. Josef Estermann, Aachen
Im Namen welchen Gottes?
Religiöse Gewalt im Kontext der Globalisierung
1. Einleitung
Seit dem Mauerfall von Berlin und dem Ende des Kalten Krieges sind nicht nur die ideologisch motivierten Konflikte praktisch in Vergessenheit geraten (abgesehen von regelmäßigem demonstrativem Säbelrasseln), sondern haben auch die politischen Grenzkonflikte zwischen einzelnen Staaten deutlich abgenommen. Andererseits aber stellt man eine geradezu umgekehrt proportionale Zunahme ethnisch und religiös bestimmter Gewaltakte fest. Das Wegfallen der ideologischen Klammer hat in gewissen Teilen der Welt - insbesondere im Einflussbereich der ehemaligen Sowjetunion - Kräfte freigesetzt, die sich aus den irrationalen Beständen von Nationalismus, Fundamentalismus und Rassismus nähren. Das Schicksal von Jugoslawien ist dabei nur das für uns nächst liegende, aber deshalb noch beileibe nicht unbedingt schrecklichste Beispiel; man braucht nur an Tschetschenien, Aserbaidschan oder Tibet zu denken.
Die Pandora-Büchse ethnisch motivierter Gewalt, die durch den Bankrott des real existierenden Sozialismus aufgemacht worden ist, kann aber nicht umfassend erklären, warum die Auseinandersetzungen auch in Gebieten zugenommen haben, die vom Kalten Krieg kaum betroffen gewesen sind. Sei es Ruanda oder die Philippinen, Nigeria oder Indonesien, Sudan oder Sri Lanka, Nordirland oder Indien: bei all diesen Beispielen macht es den Anschein, dass nicht in erster Linie ein politisches Machtvakuum oder ökonomische Interessen, sondern das religiöse Moment für die Eskalation der Gewalt verantwortlich ist.
Seit den Ereignissen vom 11. September 2001 in den USA hat ein Sprachgebrauch inflationäre Ausmaße angenommen, der die beiden Phänomene «Religion» und «Gewalt» in direkten Zusammenhang bringt: Es ist die Rede von einem neuen «Kreuzzug?, vom «Heiligen Krieg», vom «islamitischen Terrorismus», aber auch von dem von Samuel Huntington heraufbeschworenen Clash of Civilizations. Die beiden Begriffe «Globalisierung» und «Fundamentalismus» stehen schon seit längerer Zeit ganz oben auf der Liste der zeitgenössischen Schlagwörter und werden in jüngster Zeit immer mehr auch als «Erschlag-Worte» von allen möglichen Seiten in die Arena der ideologischen Auseinandersetzung um die Welt-Unordnung geworfen.
Dabei ist die Zuordnung von «Religion» und «Gewalt» keineswegs nur eine Erscheinung unserer Tage. Seit der im ersten Buch der Hebräischen Bibel beschriebenen Szene des Brudermordes von Abel durch Kain durchzieht eine Blutspur die Geschichte der meisten Religionen. Das Christentum als Religion der «Nächsten- und Feindesliebe» bildet dabei keine Ausnahme; erinnert sei nur an die Kreuzzüge im Mittelalter, die Inquisition, die Konfessionskriege der beginnenden Neuzeit und - als zeitgenössisches Beispiel - der noch immer anhaltende gewalttätige Konflikt in Nordirland. Dass in den letzten Jahren der Islam in den Mittelpunkt der Weltöffentlichkeit geraten ist, hat weniger mit dem von gewissen Seiten behaupteten «gewaltsamen» Charakter der islamischen Religion als mit der veränderten Weltlage und einer gewissen dualistischen Weltsicht zu tun, die seit dem 11. September - bei Bin Laden und der Anti-Terrorismus-Koalition gleichermaßen - geradezu euphorische Zustimmung gefunden hat.
Trotz der offiziellen Verabschiedung der Religion durch die abendländische Aufklärung und des in weiten Kreisen der europäischen Intelligenz (anders ist es in Nordamerika) praktizierten Säkularismus gewinnt Religiosität - und zwar nicht nur im «unaufgeklärten» Süden - wieder vermehrt an Bedeutung, und damit auch an Konfliktpotenzial. Zumindest dies ist das Panorama, das sich uns zeigt, wenn wir die Tageszeitung aufschlagen und den Kommentatoren glauben sollen, die als Hauptverantwortliche brutaler Gewalttaten oft religiöse Fanatiker und Fundamentalisten anweisen. Aber ist dies auch wirklich der Fall?
2. Die Kehrseite der neoliberalen Globalisierung
Man sollte nicht nur beim Mauerfall von Berlin und dem Ende des manichäisch hochgeputschten ideologischen Krieges zwischen Ost und West stehen bleiben, sondern das damit einhergehende Phänomen einer praktisch ungebremsten neoliberalen Globalisierungswelle im Auge behalten. Die Theoretiker des Freien Marktes haben es vorweg genommen: Es scheint keine Alternative mehr zu geben zum Evangelium des transnationalen Kapitalismus. Das mit viel Getöse angekündigte «Ende der Geschichte» bedeutet allerdings für die große Mehrheit der Menschheit, dass sich ihr Selbstbestimmungsrecht dem blinden Schicksal de «unsichtbaren Hand» des Marktes beugen muss.
Der real existierende Prozess der neoliberalen Globalisierung führt sich selber ad absurdum, indem drei Viertel der Menschheit in Tat und Wahrheit von ihm ausgeschlossen und in das Stadium der Prähistorie zurückkatapultiert werden. Dem Gefühl der (postmodernen) Euphorie in den Chefetagen der mächtigen transnationalen Unternehmen entspricht im umgekehrten Verhältnis eine zunehmende Verzweiflung bei den Ausgeschlossenen ob der Aussichtslosigkeit, je überhaupt noch auf diesen immer schneller dahin rasenden Zug aufspringen zu können. Viele Menschen - in Nord und Süd - fühlen sich in immer stärkerem Masse betrogen; Unmut und Ressentiment regen sich bei den Globalisierungsverlierern.
Dies ist der sozio-ökonomische Nährboden für den heute in vielen Teilen der Welt festzustellenden Rückgriff auf die Identität stiftenden Elemente von Ethnie, Rasse und Religion. Es geht dabei nicht um eine simple «Dialektik der Aufklärung», sondern um einen irrationalen Widerstand gegenüber den ebenso irrationalen und vor allem Menschen feindlichen Mechanismen des internationalen Finanzkapitals und Casino-Kapitalismus. Viele möchten nicht länger mit dem Manna abgespeist werden, das als Folge des oft beschworenen Trickle-Down-Effektes zu guter Letzt in Form von unbezahlbaren westlichen Konsumgütern aus dem postmodernen Ideenhimmel fällt. Die Mobilisierung des ethnischen und religiösen Widerstandspotenzials bedeutet zugleich einen Rückgriff auf lokale Traditionen und Grundlagen, die sich dem (abendländisch dominierten) Diskurs von Universalität und Rationalität entziehen. Die Diskussion um die kulturelle Relativität der Menschenrechte ist dabei nur eines der Beispiele für diese Spannung.
Es kommt daher auch nicht von ungefähr, dass die gegenwärtige Globalisierungswelle und der damit einhergehende Kulturimperialismus von den Verlierern oft mit dem Christentum in Verbindung gebracht werden, das als die vorherrschende Religion der Globalisierungsgewinner angesehen wird, auch befindet sich de facto die große Mehrheit der Christinnen und Christen inzwischen in der südlichen Hemisphäre und gehört - mit ihren muslimischen, hinduistischen und buddhistischen Schwestern und Brüdern - zu den Ausgeschlossenen. Während die «Kulturchristen» in China versuchen, durch das gründliche Studium der christlichen Quellen hinter die wirtschaftliche und politische Erfolgsstory der nordatlantischen Nationen zu kommen, wirft die radikale Hindutva-Bewegung in Indien der christlichen Minderheit Kulturzerstörung vor.
3. Instrumentalisierung des Religiösen
Viele Gruppierungen, Parteien oder gar Regierungen spielen gekonnt auf das oft sehr verschwommen und unbestimmt anwesende Gefühl des Zukurzgekommenseins, des Ausschlusses und der kulturellen Bevormundung ein und wissen sich der tief liegenden religiösen Gefühle meisterhaft zu bedienen. Nur in den allerwenigsten Fällen haben so genannte religiöse Konflikte auch wirklich direkt religiöse Wurzeln. Die Berufung auf bestimmte Aussagen der jeweiligen Heilige Schrift gibt den gewaltsamen Auseinandersetzungen zwar einen Anstrich von Legitimität, kann aber auf der anderen Seite nicht darüber hinweg täuschen, dass genau so viele Stellen zu finden sind, die der Gewaltanwendung widersprechen.
Bevor jemand im Namen einer bestimmten Religion zum Gewehr oder zur Machete greift, muss sich viel Frustration, Ungerechtigkeit und Hass angestaut haben, die nicht aus den religiösen Fundamenten herzuleiten sind. Religiöse Überzeugungen und Gefühle gehören zum Bestand des kollektiven Unterbewusstseins, sind aber gerade deshalb sehr leicht anfällig für Manipulation und Instrumentalisierung. Um das berühmte Wort von Marx vom «Opium des Volkes» abzuwandeln: Religion kann ebenso leicht zum «Odium des Volkes» (Volkszorn) werden. Vorausgesetzt, dass es Virtuosen gibt, die auf den religiösen Gefühlssaiten meisterlich zu spielen wissen, sowie Menschen, die sich angesichts der diffusen Bedrohung und der wirtschaftlichen Misere willig missbrauchen lassen.
Natürlich gibt es auch (insbesondere soziologische) Positionen, die von einer inhärenten Gewaltanfälligkeit oder Gewaltbereitschaft der Religionen ausgehen. Vor allem den monotheistischen Traditionen (Judentum, Christentum, Islam) wird gerne unterstellt, dass die Exklusivität und Transzendenz der Gottesvorstellung, der absolute Wahrheitsanspruch sowie die tendenzielle Universalität (Missionsgedanke) eo ipso zu Intoleranz, Unversöhnlichkeit und Anwendung von Gewalt führt. Ein flüchtiger Blick in die Geschichte scheint diese These zu belegen: Die hebräische Bibel strotzt von Gewalttaten im Namen eines rachesüchtigen Gottes; das Christentum kennt seine Kreuzzüge und die Inquisition; der Islam seinen Jihad und die Fatwa.
Andererseits stellt man heute fest, dass auch VertreterInnen nicht-theistischer oder polytheistischer Religionen, die bisher im Ruf der Gewaltlosigkeit standen, immer mehr zu gewaltsamen Mitteln greifen. Indien und Sri Lanka sind Beispiele für buddhistische und hinduistische Gewalteskalationen. Feministische Theologien meinen die Quelle religiöser Gewalt in den maskulin und patriarchal (ode «kyriarchal») verfassten religiösen Vorstellungen praktisch aller so genannten Hochreligionen ausmachen zu können. PsychoanalytikerInnen und ReligionspsychologInnen schließlich bringen Religionen eher in Beziehung mit dem Todestrieb und unterdrückter Aggression, als mit dem Lusttrieb und kreativer Freisetzung - letztere oft von den religiösen Wächtern erbarmungslos bekämpft.
Trotz dieser erdrückenden «Beweislast» scheint es sich um einen Trugschluss zu handeln, wenn von der Tatsache der religiös motivierten Gewalt auf die gewalttätige Natur der Religion geschlossen wird. Das religiöse Moment ist zwar oft Katalysator und ideologische Rechtfertigung von gewaltsamen Konflikten, nicht aber deren unmittelbare Ursache. Da der (gesunde) Mensch von Natur aus davor zurückschreckt, andere Menschen umzubringen, braucht er eine theologische ode «höhere» Rechtfertigung, es doch tun zu dürfen, ja sogar es tun zu müssen. Diese religiöse Legitimierung ist auch der Grund dafür, dass religiös motivierte Gewalttaten oft so erbarmungslos und brutal sind. «Im Namen Gottes» zu morden und vergewaltigen heißt, seine eigene Verantwortung an die höchste Instanz zu delegieren und sich somit schon a priori frei von Schuld zu wissen.
Im Namen welchen Gottes... Für Theologie und Pastoral ist es eine besondere Herausforderung, diese Rechtfertigungslogik als Ideologie zu entlarven und die Gottesbilder von allzu menschlichen Interessen und Vereinnahmungen zu säubern. Es stellt sich ernsthaft die Frage, warum denn Menschen - gleich welcher religiöser Tradition sie angehören - und ihre religiösen Gefühle relativ leicht zu manipulieren und für politische Zwecke zu instrumentalisieren sind. Warum sind Gläubige so leicht für einen«Heiligen Krieg», für ethnische «Säuberungen», für Racheakte und sogar für Genozide zu «gewinnen» Es gibt zum Beispiel Stimmen, die meinen, die Evangelisierung habe in Ruanda versagt, weil im Bürgerkrieg von 1994 unter den ChristInnen von Geschwisterlichkeit, Nächstenliebe und Verzeihung, schon ganz zu schweigen von Feindesliebe praktisch nichts mehr zu erkennen war.
4. Mission als Gewalt?
Angesichts der Geschichte der Missionsbestrebungen stellt sich für das Christentum als missionarische Religion und die katholische Kirche als weltumspannende Institution die besondere Herausforderung, Evangelisierung als Beitrag zum Weltfrieden und nicht etwa als Katalysator von Gewalt zu praktizieren. Leider war im Verlaufe der Jahrhunderte die Frohe Botschaft für viele Andersgläubige und kulturell nicht dem Abendland Zugehörige oft eine Botschaft gewaltsamer Bekehrung, Unterwerfung oder sogar physischer Ausrottung. Die Missionsgeschichte spiegelt den ambivalenten Charakter des Religiösen: Kreuz und Schwert, Las Casas und Sepúlveda, Judenhetze und interreligiöser Dialog.
Im Zuge der neoliberalen Globalisierung ist es für die christlichen Kirchen von besonderer Bedeutung, sich der Vereinnahmung und Instrumentalisierung durch die herrschenden Kräfte hinter den gegenwärtig sich vollziehenden Prozessen zu widersetzen. Dies hat deshalb eine besondere Brisanz, weil in vielen nicht-abendländischen Kontexten und bei VertreterInnen anderer Religionen das Christentum (immer noch) in Verbindung mit imperialistischen Tendenzen und kultureller Vormachtstellung gebracht wird. Da die real existierende Globalisierung von den Ausgeschlossenen (zu Recht oder Unrecht) als ein Projekt des abendländischen Kulturraumes angesehen wird, ist die Frage von höchster Dringlichkeit, ob sich das Christentum denn wirklich aus dem ideologischen Korsett dieses Kulturraumes zu lösen vermag oder nicht.
Trotz der vielen Anstrengungen, das Evangelium zu inkulturieren, wird es von vielen Völkern im nicht-abendländischen Raum nach wie vor als Zwillingsschwester der hellenistischen Philosophie und europäischen Geistesgeschichte betrachtet. Bis vor kurzem bedeutete Christianisierung eo ipso Europäisierung oder - präziser - Okzidentalisierung, und damit tatsächlich kulturellen Imperialismus, wie es radikale Hindus in Indien lauthals monieren. Es geht dabei nicht nur um relativ manifeste Ausdrucksformen abendländischer Lebensweisen (Bekleidung, Sprache, Umgangsformen, Erziehungssystem usw.), sondern auch um die Tiefenstrukturen der theologischen Sprache, um die den Glaubensinhalten zugrundeliegenden Konzeptionen, um den weltanschaulichen Rahmen religiöser Bilder und Symbole, um die anthropologischen und kosmologischen Voraussetzungen religiöser Rede.
Soll christlicher Glaube wirklich «katholisch» (also allumfassend) sein, muss er sich von einer bestimmten historisch gewachsenen kulturellen Form lösen (exkulturieren) und den kritisch-prophetischen Dialog mit der jeweiligen lokalen Kultur (wozu auch die entsprechenden religiösen Traditionen gehören) führen. Die missionarische Kirche sollte einen geschärften Blick für die vielen impliziten Eurozentrismen haben, die sie streckenweise noch immer in ihrem ideologischen Gepäck mitführt. Die asiatische christliche Theologie hat sich auf einen dreifachen Dialog verpflichtet: mit den jeweiligen Kulturen, mit den jeweiligen Religionen, mit den Armen. Alle drei sind für eine Praxis der Friedensförderung und Gewaltprävention von höchster Wichtigkeit.
Im Kontext der Globalisierung und dessen Gewaltpotenzial scheint mir allerdings die Solidarität der Kirche mit den Ausgeschlossenen und Globalisierungsverlierern von vorrangiger Bedeutung. Nur so ist sie in der Lage, ihre prophetische Stimme als Friedensstifterin authentisch vernehmen zu lassen. Die neoliberale Globalisierung hat selber auch ein «missionarisches» Projekt, das der christlichen Vision des Gottesreiches entgegensteht: nur wenige sind an den Tisch geladen, die meisten bleiben draußen vor der Tür. Dezidiert vor der Tür zu bleiben, ist ein prophetisches Zeichen der menschlichen Verbundenheit mit marginalisierten Kulturen, Religionen und Ethnien, und somit eine praktische Demonstration von Gewalt- und Herrschaftsverzicht. Missionarische Präsenz kann nur als Kenosis wirklich authentisch sein; sonst wird sie leicht beherrschend und implizit gewaltsam.
5. Zehn Thesen zum Spannungsviereck Religion, Gewalt, Globalisierung und Fundamentalisierung
Ich möchte die bisher angestellten Überlegungen, die den Raum der Problematik öffnen und so die Diskussion anstoßen sollten, mit ein paar Thesen abschließen, die zu mehr Differenzierung animieren und vor einfachen und schnellen Lösungen warnen sollen:
1. Die Religionen sollten nicht vorschnell vom Verdacht ihre
«Gewaltbereitschaft» befreit werden, und zwar ohne
Ausnahme.
2. Das Christentum wird insofern mit der real existierenden
neoliberalen Globalisierung in Verbindung gebracht, als es ihm nicht
gelingt, sich vom Eurozentrismus (resp. Okzidentozentrismus) zu
befreien.
3. Keine Religion existiert in Reinkultur
(als«Idealtyp») und sollte weder von ihrer
idealen«Lehre» noch von ihren extremen
Manifestationen (z.B. Fundamentalismen), sondern von ihrer realen
Praxis her verstanden werden.
4. Globalisierung und Fundamentalisierung sind komplementäre
Phänomene, die sich beide aber in der Abweisung echter
Pluralität finden.
5. Fundamentalismus ist eine bestimmte Erscheinungsform aller
Religionen und geht weit über diese hinaus (politischer,
ökonomischer, kultureller und gender Fundamentalismus).
6. Der real existierende Globalisierungsprozess
vergrößert das Konfliktpotential unter den
Völkern und Religionen und trägt zu einer neuen
Polarisierung bei.
7. Der Grad der kulturellen Globalisierung abendländischer
Werte und Vorstellungen verhält sich proportional zur Zunahme
kultureller und politischer Unversöhnlichkeit.
8. Der wachsende Graben zwischen Globalisierungsgewinnern und
Globalisierungsverlierern ist ein wichtiger Nährboden
für Terrorismus und die quasi-religiöse
Rechtfertigung desselben.
9. Religionen sind sowohl Gewalt fördernd als auch Gewalt
hemmend; religiöse Gefühle können leicht
für das eine oder andere manipuliert werden.
10. Die einzige Alternative zu Globalisierung und Fundamentalisierung
ist ein wirklicher interkultureller und interreligiöser
Dialog, der als Ziel das Leben und Überleben des Menschen in
einer planetarischen Makroökumene hat.
Prof. Dr. Herbert Vorgrimler, Münster,
Der Antisemitismus ist nicht tot. Ursachen und Perspektiven.
4 Thesen
1. Eine Ursache ist der katholische Fundamentalismus: Bibelworte werden ohne Sachkenntnis einfach als "Wort Gottes" oder auch als Worte Jesu ausgegeben. und als Parolen verwendet. Beispiele: Die Juden im Johannesevangelium; die Juden haben den Teufel zum Vater (Joh. 8,23.44); die angebliche Selbstverfluchung "Sein Blut komme über uns und unsere Kinder" (Mt. 27,25); "Synagogen des Satans" (Offb. 2,9; 3,9).
2. Ähnliche Defekte im Glaubenswissen führen zu Beschuldigungen des "Gottesmordes".
3. In bestimmten Situationen der Not oder des Frusts, der Langeweile, neigen Menschen zur Jagd auf Minderheiten und zur Minderheitenhetze an Stammtischen. Während z.B. in Lateinamerika kein Antisemitismus zu beobachten ist, tritt er häufig auf in deutschen Neonazikreisen, in Frankreich, Polen und Rußland. Notwendig sind Informationen gegen Schlagworte und Gerüchte sowie Mut der Zivilcourage.
4. Das Neue Testament (AT) lehrt nirgendwo, dass der Alte Bund abgelöst wurde durch den Neuen Bund, oder dass der Gott des AT ein Gott der Rache und des Zornes, der Gott Jesu dagegen ein Gott des Erbarmens sei. In Wirklichkeit bleiben die Auserwählten und der Bund Gottes mit den Juden in Ewigkeit bestehen (Röm 9-11). In katholischen Gesangbüchern finden sich immer noch Spuren des Gegensatzes von Alt und Neu, Juden und Christen. Beispiele: "Das Gesetz der Furcht muss weichen, da der neue Bund begann" (Pange lingua GL 544); et antiquum documentum novo cedat ritui" = und der Alte Bund muss dem neuen Ritus weichen (Tantum ergo GL 541); "O komm, o komm, Emanuel, mach frei dein armes Israel! In hartem Elend liegt es hier, in Tränen seufzt es auf zu Dir"; "O komm und führ aus Trug und Wahn dein Israel auf rechte Bahn (GL Münster 902); "Gott ruft sein Volk zusammen rings auf dem Erdenrund, eint uns in Christi Namen zu einem Bund. Wir sind des Herrn Gemeinde", "Neu schafft des Geistes Wehen das Angesicht der Welt und läßt ein Volk erstehen, das er sich auserwählt" (GL 640). Zum letzten Lied: Das ist nicht einfach falsch, aber Worte werden christlich "besetzt", die in erster Linie Israel gehören: Volk Gottes, Bund, Auserwählung.